Bücher, Mond und Sterne

Du öffnest ein Buch - und Dir öffnet sich das Universum

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*Wochensterne des Büchermondes* [#Januar]

Alles neu im neuen Jahr. Ich habe mich dazu entschlossen, den Wochenrückblick durch einen Monatsrückblick zu ersetzen – so viel Spannendes gibt es einfach nicht zu erzählen jede Woche, es sei denn, ich würde hier mein Privatleben breit treten (Was ich aber nicht will, das ist immer noch ein Bücherblog). Außerdem ist die Chance einfach größer, dass ich es einmal im Monat schaffe, einen Rückblick auf die Reihe zu bekommen.

Ganz unspektakulär poste ich hier die Rezensionen, die es nicht als eigenständigen Post auf meinen Blog geschafft haben – ein Vorsatz fürs neue Jahr war es ja, mehr zu schreiben und zu rezensieren, wenn möglich jedes gelesene Buch (deshalb auch die Lese-Challenges, und weil ich Listen so toll finde). Die Rezensionen sind mal länger, mal kürzer, mal auch nur kurze Leseeindrücke – wenn mir tatsächlich nicht so viel eingefallen sein sollte.

Was ich sonst noch so gemacht habe? Gelesen. Was sonst?



AmokspielAmokspiel by Sebastian Fitzek
My rating: 4 of 5 stars

Ira Samin will sterben. Seit dem Selbstmord ihrer Tochter Sara, für den sie sich die Schuld gibt, hat die Polizeipsychologin jeglichen Lebensmut verloren. Sie vegetiert nur noch vor sich hin, ist dem Alkohol verfallen und auch ihre jüngere Tochter Kitty hat den Kontakt zu ihr abgebrochen. Doch sie kommt nicht dazu, sich das Leben zu nehmen. Sie wird gebraucht.

In einem Berliner Radiosender hat ein Psychopath Besucher des Senders und den Moderator als Geiseln genommen. Er will ein perfides Spiel spielen: Jede Stunde ruft er eine Nummer in Berlin an – und wenn der Angerufene die richtige Parole nennt, lässt er eine Geisel frei. Wenn nicht, stirbt die Geisel.

Seine Forderung: Er will seine Verlobte sehen. Aber die ist vor mehreren Monaten bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Kann Ira ihn von seinem Vorhaben abbringen, ihn zur Vernunft bringen? Wie redet man mit jemandem, der alles, was er liebt, verloren zu haben scheint? Und wie soll sie einen kühlen Kopf bewahren, wenn ihre Tochter Kitty eine der Personen im Radiosender ist?

Zunächst scheint Amokspiel ein Thriller wie einer von vielen zu sein. Wir haben eine Geiselnahme und einen Täter mit einer scheinbar unmöglichen Forderung. Ein Wahnsinniger, denke ich mir, einer der den Tod seiner Verlobten nicht akzeptieren will und jetzt durchdreht.

Dann haben wir da noch die völlig kaputte, durch einen Schicksalsschlag gebrochene Polizeipsychologin, die die Verhandlungen führen soll und zudem auch noch persönlich in die Geiselnahme involviert. Kaputt trifft auf kaputter. Hatten wir schon alles. Geht so aus wie immer.

Doch es kommt ganz anders. Nicht nur durch das „Spiel“ des Täters ergeben sich immer neue Wendungen im Verlauf, auch dadurch, dass Jan felsenfest davon überzeugt ist, dass Leoni noch lebt. Er scheint geradezu besessen davon zu sein, dass er Opfer einer Verschwörung geworden ist. Und die Hinweise verdichten sich, dass er recht hat. Nach und nach wird noch ein ganz anderes Spiel aufgedeckt.

Eben diese Wendungen machen Amokspiel zu einem spannenden Thriller, der doch nicht ganz so gewöhnlich ist, und der nebenbei noch so einige Fragen aufwirft. Ist Jan wirklich ein Psychopath, der kaltblütig Geiseln erschießt? Lebt Leoni tatsächlich noch – und wenn ja, wer steckt hinter ihrem Verschwinden. Bis zum Schluss bleiben diese Fragen ungeklärt – werden dann aber spektakulär aufgeklärt.

 


Die SchneelöwinDie Schneelöwin by Camilla Läckberg
My rating: 4 of 5 stars

Sie sieht nichts. Sie hört nichts. Sie kann nicht schreien. Sie ist eine wehrlose Puppe und sie läuft schwerverletzt auf der Landstraße. Sie kann dem Auto nicht ausweichen. Im Krankenhaus stirbt Victoria an ihren schweren Verletzungen. Monate zuvor war sie auf dem Heimweg vom Reitstall verschwunden. Entführt und ihrer Sinne beraubt. So wie zuvor vier weitere Mädchen, von denen jede Spur fehlt.

Was für ein kranker Mensch ist dazu in der Lage, unschuldige Mädchen derart zu verstümmeln? Patrik Hedström und seine Kollegen suchen unter Hochdruck nach dem Täter und den Mädchen.

Zur gleichen Zeit ist Patriks Frau, Erica Falck, mit einem viel älteren Fall beschäftigt, der 1975 in Fjällbacka Aufsehen erregte. Laila Kowalska erschlug damals ihren Ehemann Vladek, der die gemeinsame Tochter immer wieder im Keller festkettete. Für ihr Buch besucht Erica Laila immer wieder im Gefängnis, doch diese schweigt beharrlich zu den Geschehnissen von damals.

Doch Erica wäre nicht Erica, wenn sie sich nicht auch in Patriks Ermittlungen einmischen würde, und nach und nach bemerkend die beiden, dass Laila auf unheimliche Weise in Patriks Fall verwickelt zu sein scheint. Kennt sie etwa den Täter? Weiß sie, wo die Mädchen versteckt werden?

Die Schneelöwin ist der mittlerweile 9. Band der Reihe um Erica Falck und ihren Mann Patrik Hedström. Damit ist die Reihe mittlerweile recht etabliert, die Charaktere sind ausgebaut und ein fester Kreis aus Protagonisten hat sich gebildet. Dass diese eher wenig aufregende Leben haben, gehört zum Programm; Camilla Läckberg verzichtet auf Extravaganz und Drogenmissbrauch im Polizeirevier und schildert stattdessen den Alltag in einer Kleinstadt, inklusive Stress mit Kindern und Schwiegermüttern.

Vom Aufbau ist auch alles beim Alten geblieben. Kurze Kapitel, schnelle Szenen- und Perspektivwechsel mit Cliffhangern werden immer wieder von Rückblenden in
die Vergangenheit, erzählt aus Lailas Perspektive unterbrochen. Dadurch muss man zwar mit relativ vielen Personen zurechtkommen, hat aber nicht das Problem langatmig erzählter Kapitel.

Ein Manko dieser Erzählweise ist allerdings, dass die Handlung nur langsam Fahrt aufnimmt, der Anfang wirkte hier recht behäbig auf mich und richtige Spannung kam erst gegen Mitte des Romans auf. Dafür hat es Camilla Läckberg dann aber geschafft, mir dieses gewisse Ich-kann-nicht-mehr-aufhören-zu-lesen-Gefühl zu geben, das jeden Roman von ihr doch zu einem Highlight macht.

Bemerkenswert ist auch, dass sie so gut wie ohne Schockermomente auskommt, hier trieft es nicht nur so vor Blut wie bei vielen ihrer Kollegen, sie spart sich detaillierte Folterszenen und Tatortbeschreibungen einfach und tauscht sie gegen subtilere Spannung ein. Bei Camilla Läckberg wohnt das Grauen in der vermutlichen Idylle, gleich nebenan.


Die ZelleDie Zelle by Jonas Winner
My rating: 2 of 5 stars

Verstörend. Das fällt mir als Erstes ein, nachdem ich Die Zelle beendet habe. Verwirrend und verstörend, und ich weiß nicht, ob ich das eben Gelesene mag oder nicht. Hat mir das gefallen? Sicher, ich habe es beendet, weil ich wissen wollte, wie es ausgeht, aber hat es mir dabei gefallen?

Zurück zum Anfang. Sam zieht mit seinen Eltern, seinem Bruder Linus und dem Au-Pair-Mädchen Hannah von London nach Berlin in eine alte Villa. Es sind Ferien, er kennt niemanden und so beginnt er, das Grundstück zu erkunden. Er findet einen alten Luftschutzbunker, eine Bowlingbahn mit Elvisplatten und Whiskey – und ein Mädchen in einer Gummizelle. Das Mädchen hat Angst, sie ist noch jung, nicht viel älter als er selbst. Was soll er tun? Er traut sich nicht, sich jemandem anzuvertrauen und am nächsten Tag ist das Mädchen verschwunden.

Für Sam gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder er hat sich das Mädchen nur eingebildet – oder sein Vater hat sie gefangen gehalten und verschwinden lassen. Wem soll er also mehr misstrauen? Sich selbst und seiner eigenen Wahrnehmung, oder seinem ständig gereizten und angespannten Vater?

Von dieser Stelle an beginnt es, für mich abzudriften. In eine Richtung, die mir nicht mehr gefällt. Sam hat Wahnvorstellungen von einem toten Jungen, er rennt fast vor ein Taxi und bekommt schließlich Psychopharmaka. Liegt es da nicht nahe, dass er sich auch das Mädchen im Bunker nur eingebildet hat? Für mich passte es von da an nicht mehr zusammen, Wahn und Wirklichkeit wechseln sich ab, aber wirklich fesseln kann mich das nicht.

Auch die Charaktere handeln nicht stringent bzw. sind völlig unglaubwürdig. Der Vater ist meistens übellaunig und schlägt sogar den älteren Sohn, nur um dann wieder zu versichern, dass man vor nichts Angst haben müsse, der ältere Bruder will von allem nichts wissen und vögelt nebenbei das Au-Pair (wie auch der Vater, by the way) und die Mutter ist meistens abwesend. Sam ist sich selbst überlassen, kein Wunder, dass der Junge abdreht. Was ist das bitte für eine Familie?

Ist das noch ein Thriller oder nähern wir uns da nicht schon eher dem Horror-Genre? Dazu passt, dass sich Sam in der Vorstellung aufgeht, das Haus sei böse und habe seinen Vater böse gemacht. Also wirklich. Ein Haus als das personifizierte Böse, da denke ich wirklich eher an Horror und Stephen King als an einen spannenden Thriller. (Und die Vorstellung von bösen Haus ist – bei aller Liebe – auch schon reichlich abgedroschen.)

Insgesamt fehlt mir die klare Linie. Als Aufhänger und Idee hat mir die Szene mit dem Mädchen im Bunker gut gefallen, aber danach hielt es leider nicht mehr, was ich mir versprochen hatte, woran auch die Auflösung nichts mehr ändern konnte.


Im Schatten der KöniginIm Schatten der Königin by Tanja Kinkel
My rating: 3 of 5 stars

Historische Romane und ich – das ist so eine Sache. Keine wirkliche Liebesbeziehung, aber ab und an wagen wir es doch, einander näher zu kommen. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Dieses Mal leider mit weniger Erfolg und Vergnügen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Tod von Amy Robsart, die von ihren Dienstboten mit gebrochenem Genick am Fuße der Treppe gefunden wurde. War es ein Unfall, Selbstmord oder wurde sie gar ermordet? Um diese Frage dreht sich von nun an alles – und leider ist der spannendste Teil damit auch schon erzählt.

Tom Blount, ein Freund von Amys Mann Robert Dudley, versucht, hinter das Geheimnis zu kommen; er spricht mit Menschen, die Amy gekannt haben und wundert sich nebenbei, warum Robert nicht mehr an der Aufklärung des Todes seiner Frau interessiert ist. Ob es daran liegt, dass man ihm eine Affäre mit der Königin, Elizabeth I. nachsagt und ihn des Mordes verdächtigt?

Viel an Handlung wird jedenfalls nicht geboten, und der Einblick in das Leben zur Zeit Elizabeths I. ist mir auch zu begrenzt, als dass es mich wirklich interessieren könnte.

Auch wenn Im Schatten der Königin durchaus gut geschrieben ist – am Stil kann ich keineswegs rummäkeln – bleibt ein fader Nachgeschmack von Langeweile zurück – und die Hoffnung, dass beim nächsten (historischen Roman) alles besser wird.

*Gelesen* Arno Strobel – Die Flut

15Ein paar Tage Auszeit, mehr will Julia gar nicht, als sie mit ihrem Freund Michael nach Amrum fährt. Er will seinem Kollegen Andreas ein wenig beim Ausbau des Ferienhauses helfen und sie möchte einfach nur lange Spaziergänge am Strand unternehmen und die menschenleere Insel im November genießen.

Doch nicht nur sie genießt scheinbar die Ruhe auf Amrum. Ein Mörder sucht sich gezielt Paare aus, entführt und ermordet sie am Strand – dabei lässt er den Mann dabei zusehen, wie seine Frau qualvoll ertrinkt.

Mit der Ruhe ist es für Julia und Michael schnell vorbei, als die Polizei Michaels Geldbörse in der Nähe des ersten Tatorts findet. Von da an verdächtigt sie ihn und lässt ihn nicht mehr aus den Augen. Und auch der Frieden zu Andreas und seiner Frau Martina ist gestört, denn Martina scheint ein persönliches Problem mit dem glücklichen jungen Paar zu haben.

Arno Strobel schafft es ja immer wieder, mich mit seinen Thrillern und deren ungeahnten Wendungen zu überraschen, aber hier musste ich doch ziemlich lange auf eine solche Wendung warten. Über weite Strecken wirkt Die Flut eher wie ein psychologisches Kammerspiel als ein Thriller – was ihn nicht weniger spannend oder lesenswert macht, aber die Schockermomente fehlen eben – ja, ich bin ab und an schon ziemlich blutrünstig. Die Morde scheinen ein wenig in den Hintergrund zu treten, die Opfer nur Randnotizen zu sein. Und was ist eigentlich das Motiv?

Der Fokus liegt für mich auf den Charakteren und deren Beziehung zueinander. Arno Strobel zeichnet sehr ausdrucksstarke Charaktere, die es schaffen, die Geschichte zu tragen und lesenswert zu machen.

Ist Michaels und Julias Beziehung wirklich so glücklich, wie sie nach außen zu sein scheint? Warum ist Kommissar Hermsen so verbissen davon überzeugt, dass Michael der Mörder ist, dass er sich durch nichts davon abbringen lässt und sogar Dienstvorschriften verletzt?
Auf dieser platzmäßig begrenzten Insel scheinen alle ein Geheimnis zu haben. Warum lebt Adam Damerow zurückgezogen auf Amrum, wenn er als Psychotherapeut so erfolgreich war und will der krebskranke Polizeimeister der Insel die beiden Kommissare aus Flensburg nicht doch gegeneinander ausspielen? (Fast) jeder könnte der Mörder sein. Wer also legt die Hinweise so, dass sie zu Michael führen?

Auf fast jeder Seite entstehen so neue Fragen und Verdächtigungen in meinem Kopf – und so kommt es doch, dass ich nicht aufhören kann zu lesen. Spannung entsteht manchmal eben auch ganz ohne Schockermomente.


Verlag: Fischer
Erschienen am 21. Januar 2016
Genre: Thriller
368 Seiten
Format: Paperback
ISBN-13: 978-3-596-19835-1

*Gelesen* Arno Strobel – Das Dorf

14Ein Anruf weckt den Journalisten Bastian am späten Vormittag aus dem Schlaf. Es ist Anna. Seine Anna. Seine Ex-Freundin Anna. Und sie hat panische Angst.

Sie nennt einen Ort. Frundow. Ein Dorf irgendwo in an der Müritz. Irgendwo im Nirgendwo. Bastian verspricht, ihr zu helfen, doch die Polizei glaubt ihm seine Geschichte nicht. Er beschließt, die Sache in die eigene Hand zu nehmen und zusammen mit seinem Freund Safi nach Frundow zu fahren. Er wird es noch bereuen.

In Frundow angekommen muss er schnell feststellen, dass er scheinbar in einem Geisterdorf gelandet ist. Womit der Horror erst beginnt, denn jemand hat die Reifen seines Wagens aufgeschlitzt. Und von seinem Freund Safi fehlt plötzlich jede Spur.

Bastian ist gefangen in Frundow. Gefangen in seinem persönlichen Albtraum. Er kann zwar bei Mia, einer älteren Frau, die eines der maroden Häuser bewohnt, unterkommen, doch von nun an häufen sich die merkwürdigen Ereignisse. Überall gibt es Anzeichen von Anna, Anzeichen eines namenlosen Horrors, doch keiner der wenigen übriggebliebenen Dorfbewohner will reden. Sie alle haben scheinbar noch immer Angst. Denn vor 25 Jahren sind schon einmal Menschen im Dorf verschwunden.

Recht unblutig kommt Das Dorf erst mal daher, dafür aber nicht weniger spannend. Wie Bastian bin ich schnell gefangen in Frundow, diesem unheimlichen Dorf, zwischen diesem merkwürdig verschlossenen und verstörten Einwohnern, von denen ich nicht weiß, was ich von ihnen halten soll. Sind sie Bastian wohlgesonnen oder wollen sie ihm nur Böses? Wem kann ich vertrauen?

Was kann ich glauben? Bastian kann sich bald keinen Reim mehr aus den Ereignissen machen. Jemand versucht, nachts in sein Zimmer einzubrechen, aber niemand glaubt ihm. Er spricht mit Menschen, die angeblich seit Jahrzehnten tot sein sollen; er betritt Häuser, die Stunden später so aussehen, als stünden sie seit Jahren leer. Will man ihn in den Wahnsinn treiben? Langsam zweifelt er an seinem Verstand – und auch ich kann bald Realität und scheinbaren Trug nicht mehr voneinander unterscheiden.

Arno Strobel lässt mich diese Reise zusammen mit Bastian antreten und sehr geschickt wirft er immer neue Wendungen in die Geschichte ein. Immer wieder muss ich meinen Standpunkt überdenken – welchem der Charaktere kann ich glauben und wer spielt mir etwas vor? Sind tatsächlich die Dorfbewohner „die Bösen“ oder ist es doch Bastian, der sich im Liebeswahn alles nur einbildet?

Mit diesem Gefühl spielt Arno Strobel mehr als geschickt; er schafft es so, Spannung in eine Geschichte zu bringen, in der augenscheinlich gar nicht so viel passiert – denn um ganz ehrlich zu sein, viel Handlung gibt es nicht. Und trotzdem fühle ich mich genötigt, weiterzulesen, Seite nach Seite umzublättern. Bis zum furiosen und unerwarteten Finale. (Nein, das hätte ich so wirklich nicht erwartet. Wirklich wirklich nicht. Nein, ich verrate hier nichts.)


Verlag: Fischer
Erschienen am 18. Dezember 2014
Genre: Thriller
368 Seiten
Format: Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-596-19834-4

*Gelesen* Lori Nelson Spielman – Nur einen Horizont entfernt

13Als die bekannte TV-Moderatorin Hannah Farr den Brief ihrer ehemaligen Schulfreundin Fiona Knowles öffnet, weiß sie nicht, ob sie an einen schlechten Scherz glauben soll. Immerhin hat Fiona sie während ihrer gesamten Schulzeit gemobbt und gequält. Und dann liegt da auf einmal dieses Säckchen in ihren Händen. Ein kleines Säckchen mit zwei Kieselsteinen. Versöhnungssteine.

Fiona Knowles, die mittlerweile berühmte Erfinderin der Versöhnungssteine, bittet Hannah um Verzeihung. Wenn sie ihr verzeiht, soll sie ihr einen der Steine zurück schicken. Den anderen soll sie an jemanden schicken, den sie wiederum um Verzeihung bitten möchte. Da kommt ihr nur ein Mensch in den Sinn – ihre Mutter. Aber will sie sich wirklich mit diesem schmerzhaften Kapitel ihres Lebens auseinandersetzen. Und noch viel wichtiger – wird ihre Mutter die Entschuldigung annehmen?

Nur einen Horizont entfernt hat auf meinem Kitschbarometer ganz schön ausgeschlagen hat, das muss ich zugeben. Es geht um Liebe und Vergebung, um Neid und Missgunst, um falsche Anschuldigungen und Ehrgeiz – um die ganze Palette menschlicher Gefühle.

Lori Nelson Spielman erschafft dabei zwei Arten von Charakteren – die einen, die man sofort mag, wie Hannah oder den charmanten Weingutbesitzer RJ – und die, die man nie mögen wird, wie Hannahs Lebensgefähretn Michael und ihre Kolllegin Claudia. Klingt jetzt sehr nach schwarz/weiß und in gewissem Maße ist es das auch. Genauso wie es auch vorhersehbar ist, was passieren und wie es enden wird. Aber wie gesagt, nur in gewissem Maße.

Da sind nämlich immer wieder die Momente, in denen mich die Autorin überrascht, entweder mit einer unerwarteten Wendung oder dem unvorhersehbaren Handeln eines Charakters. Gut, sie überrascht mich nicht so sehr, dass mir der Atem stocken würde, sie schreibt ja auch keinen Thriller, aber doch so sehr, dass ich ihr Buch mag.

Warum ich außerdem nicht enttäuscht bin, liegt an der locker-charmanten Art, wie Lori Nelson Spielman schreibt und wie sie ihre Hauptfigur Hannah durch scheinbar eine Krise nach der anderen schickt. Wie sie sie als vielschichtigen Menschen zeichnet und eine nachvollziehbare Entwicklung durchmachen lässt. Genau das macht Nur einen Horizont entfernt für mich aus, hier stehen eher die Figuren im Vordergrund als die Story an sich.

Nur einen Horizont entfernt ist wahrscheinlich keine besonders anspruchsvolle Lektüre, aber locker leichter Lesestoff für zwischendurch mit einer interessanten Idee und einer wichtigen Botschaft. Verzeihen ist wichtig.


Sweet Forgiveness
Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer
Verlag: Krüger
Erschienen am 21. Mai 2015
Genre: Zeitgenössische Literatur
368 Seiten
Format: Broschiert
ISBN-13: 978-3-810-52395-2

*Wochensterne des Büchermondes * [# Der Jahresrückblick]

Es ist geschafft. 2015 ist (fast und so gut wie) vorbei. Traditionell ist der Jahreswechsel ja die Zeit um nach vorn und zurück zu schauen, um etwas zu beenden und etwas Neues zu beginnen.

Ich hatte mir Ende 2015 vorgenommen, endlich ein paar vor Jahren angefangene Buchreihen zu beenden. Und Das Lied von Eis und Feuer zu lesen. Etwas beenden und etwas Neues beginnen.

Beginnen wir mit dem Beenden.

Ein wenig seltsam ist es schon, wieder in Welten einzusteigen, die man zum Teil schon vor Jahren verlassen hat, und es fällt dabei auch nicht immer leicht, den Wiedereinstieg zu finden. Als ich Dornenkuss in die Hand genommen habe, den dritten Band der Nachtmahr-Reihe von Bettina Belitz, konnte ich mich kaum noch an Band 1 und 2 erinnern. Von der Handlung waren mir nur noch die Eckpunkte bekannt, die Protagonisten waren mir ein wenig fremd geworden, aber das würde schon gehen. Es ging dann auch auch ganz gut, aber richtig warm bin ich dann nicht mehr geworden mit Elisabeth und Colin.  Immerhin gab es hier dann aber einen runden Abschluss. Ein Happy End. Etwas, womit ich leben kann.

Bei der Ashes-Reihe von Ilsa J. Bick war ich mit Band 2 schon nicht mehr wirklich zufrieden – und den habe ich Ende September 2012 beendet. Band 3.1 und 3.2 waren dann eine komplette Enttäuschung. Zu viel Gewalt, Blut und Hirnmasse; zu wenig Story und roter Faden. Um es kurz zu  machen. Nein, es liegt nicht daran, dass ich mich nicht mehr in die Geschichte reindenken konnte – wo nichts ist, kann auch nichts werden – und ich bin auch nicht so kollossal gealtert, dass man sagen könnte, ich sei einfach aus der Nummer rausgewachsen. Es war einfach – sorry – kompletter Bullshit. Und dazu musste ich dann auch ein paar Zeilen verfassen.


Ashes: Ruhelose Seelen (Ashes, #3 part 1 of 2)Ashes: Ruhelose Seelen by Ilsa J. Bick
My rating: 2 of 5 stars

Ich muss zugeben, dass es schon eine ganze Weile her ist, seit ich Band 2 der Ashes-Trilogie (Ja, es ist eine Trilogie, doch für den deutschen Buchmarkt hat man Band 3 in zwei Hälften geteilt, warum auch immer.) gelesen habe. Um genau zu sein, ist es mittlerweile drei Jahre her. In dieser Zeit habe ich vielleicht einige Details vergessen, aber nicht die Tatsache, dass ich von Band 2 schon eher enttäuscht war. Zu viele sinnlose Gewaltszenen reihten sich hier in scheinbar willkürlicher Abfolge aneinander. Da ist die Frage durchaus berechtigt, warum ich jetzt mit der Reihe weitermache. Um sie zu beenden. Nicht mehr und nicht weniger. Ich beende gerne in sich abgeschlossene Buchreihen.

Nachdem mich Band 3.1 am Anfang wieder auf Kurs gebracht hat – und um es vorweg zu nehmen – das war auch der beste Teil des Buches – war ich wieder halbwegs im Geschehen. Großer Knall, Elektrizität weg, fast alle Menschen tot. Nur junge und alte überleben, wobei sich die Jugendlichen in menschenfressende Monster verwandeln und in Gruppen durchs Land marodieren. Einige wenige verwandeln sich nicht und – wie sollte es anders sein – von nun an stehen sich diese beiden Gruppen mehr oder weniger feindlich gegenüber. Bitte berichtigt mich, falls ich hier etwas falsch wiedergebe, es ist wie gesagt drei Jahre her und man selbst wird auch nicht jünger.

Jetzt würde ich zu dem Teil kommen, an dem ich euch ein wenig über die Story erzähle. Was ich aber nicht kann. Denn Band 3.1 setzt nahtlos dort an, wo Band 2 aufgehört hat. Mit endlosen Gewaltszenen, die mehr oder weniger willkürlich aneinander gereiht wurden und bei denen die jeweils erzählende Person auch keine Rolle spielt bzw. in den Hintergrund rückt. In so gut wie jeder Szene gerät diese eh in Lebensgefahr und wird unter mächtigem Blutvergießen wieder gerettet. Oder rettet sich selbst. Den roten Faden sprich die Story habe ich nicht erkannt und das meiste nach dem Lesen auch schon wieder vergessen. Und warum das mit dem Knall/Blitz/Komet/Whatever passiert ist, weiß ich immer noch nicht. Eventuell erfahre ich das ja in Band 3.2. Den werde ich trotz allem lesen, denn ich beende gerne Buchreihen. Einfach so.

Ashes: Pechschwarzer Mond (Ashes, #3 part 2 of 2)Ashes: Pechschwarzer Mond by Ilsa J. Bick
My rating: 2 of 5 stars

Es ist beendet….endlich.

Band 3.1 hatte mich schon mehr als enttäuscht und ratlos zurückgelassen – und davor Band 2. Aber ich wollte die Reihe dann doch beenden. Weil – genau – ich gerne Buchreihen beende. Jetzt könnte man ja auch sagen, Scheiß drauf, lass es halt, wenn dich Band 2 schon so enttäuscht hat. Aber was, wenn Band 3 dann wieder der totale Knaller wird und Band 2 nur so eine kurze Flaute war? Kann man ja vorher nicht wissen. Also, ich beende Buchreihen. Basta.

Auch wenn ich mir das hier hätte sparen können. Es passiert nämlich einfach nichts von dem, was ich mir erhofft hätte. Eine Erklärung für die E-Bomben? Fehlanzeige. Eventuell hat die Autorin auch schon vergessen, dass diese zu Beginn explodiert sind. E-Bombe? Ja, da war doch mal was… Ebenso fehlt dann auch eine Erklärung, warum die Jugendlichen zu Kannibalenzombies mutiert sind. Ist halt so, friss oder stirb. Oder was jetzt passiert, nachdem alle Protagonisten mehr oder weniger noch am Leben sind. Wohin gehen die Überlebenden? Müssen sie noch mal zur Schule, was ist mit Ausbildung, Studium, jobben an der Supermarktkasse? Oder kurz: Wer baut den ganzen Scheiß jetzt wieder auf?

Was mich aber am meisten ärgert, ist, wie unverantwortlich in der gesamten Buchreihe mit Gewalt umgegangen wird. Wir haben hier immer noch eine Altersempfehlung ab 14. Im Ernst?

Für eine Buchreihe in der nicht nur die Protagonisten von einer lebensbedrohenden Situation in die nächste rutschen, dem Tod quasi im Seitentakt von der Schippe springen, sondern sich auch vor Blut nur so triefende Szenen wahllos aneinanderreihen? Aus fast jeder Seite Blut, Körperteile, Hirnmasse, Gedärme, Blut, Blut und nochmal Blut mit dem man eine ganze Blutbank problemlos einige Monate versorgen könnte. Muss ein 14-Jähriger das verkraften können? Ich denke nicht.
Muss ich das ertragen können? Ich denke auch nicht.

Wenn man wahllos Szenen aneinanderreiht, auch wenn man diese auf mehrere Protagonisten verteilt, entsteht dadurch noch keine Story. Wenn Gewaltszene auf Gewaltszene folgt, entsteht keine Spannung. Im Gegenteil, es wird langweilig. Todlangweilig.


Warum ich mir das dann angetan habe, könnte man jetzt fragen. Weil ich gerne Buchreihen beende, die ich einmal angefangen habe. Ich bin Optimist, es könnte ja nochmal besser werden. Eventuell vielleicht.

Thomas Thiemeyers Chroniken der Weltensucher habe ich übrigens auch noch nicht beendet, aber dieses Projekt nehme ich mit ins nächste Jahr. (Ich habe ein gutes Gefühl dabei. Ein sehr gutes.)

Kommen wir zum Beginnen. Sort of.

Ich laufe ja schon seit Jahren um die Reihe Ein Lied aus Eis und Feuer herum, ich habe die englische Originalversion angefangen zu lesen (Aber ich habe irgendwie immer das Gefühl, etwas zu verpassen oder nicht richtig zu verstehen, auch wenn mein Englisch richtig gut ist.) und ich bin ein Riesenfan der Serie. Okay, Fan reicht, ich bin ja keine 14 mehr. Scheiß drauf, ich bin ein Riesenfan. Die ersten drei Bände habe ich schon verschlungen. Fazit: BAMM! (Zu mehr oder zu ausführlicher artikulierter Kritik bin ich noch nicht in der Lage, eventuell im nächsten Jahr.)

Lesebilanz insgesamt: 73 Bücher mit 32864 Seiten. 14 Hörbücher mit 6707 Minuten. Passt. Ich hatte in der zweiten Jahreshälfte etwas mehr Lesezeit.

(Darin enthalten sind ganze 51 Krimis & Thriller, ich habs echt blutig gemocht dieses Jahr. Und spannend. Ich hab die ganze Harry Hole – Reihe von Jo Nesbø gelesen und sehr geweint am Ende. )

Mein Lesehighlight war wohl am ehesten Paul Hardings Verlust. Und Das Seelenhaus von Hannah Kent. Wenn ich denn mein Lesehighlight unbedingt benennen müsste. Im Rückblick war viel Mittelmaß dabei und – wie schon erwähnt – viel Blut.

Krimis kann ich immer lesen, da muss ich mich nicht großartig drauf konzentrieren und meistens sind sie so spannend, dass ich alles um mich herum vergessen kann. Ich habe einige Reihen angefangen, die Kluftinger-Reihe (sehr lustig und trotzdem spannend) und die Byrne & Balzano – Reihe von Richard Montanari (BLUT!!!!) gehören hierbei definitiv zu meinen Favoriten, Dr. Ruth Galloway habe ich nach einer längeren Pause wieder für mich entdeckt (weniger blutig, dafür mit subtiler Spannung und Cleverness). Vermutlich habe ich noch einige Highlights vergessen, aber was solls. Das wars im Großen und Ganzen.

Und jetzt schauen wir mal, was 2016 so bringt. Lesetechnisch. Und insgesamt so.

Ich hab noch ne kleine Galerie angehängt. Das hab ich auch beendet.

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*Gelesen* Paul Harding – Verlust

9783630873770_CoverIch muss gestehen, dass ich ein wenig Angst vor diesem Buch hatte. Nicht, weil ich fürchterliches erwartet hätte. Oder weil ich befürchtet hätte, es könnte schlecht sein. Nein. Weil Paul Hardings erstes Buch Tinkers zu meinen Lesehighlights gehört. In diese Geschichte bin ich mit jeder Faser meines Leserlebens eingetaucht, dieses Buch habe erlebt wie kaum ein anderes. Ich war sogar bei einer Lesung und jetzt steht es signiert in meinem Bücherregal. Das war 2011.

2015 erscheint nun Paul Hardings zweiter Roman und ich bin skeptisch. Werde ich hier genauso eintauchen und versinken können wie in Tinkers?

Die ersten Seiten sind zugegebenermaßen ein wenig holprig. Ist das wirklich der Stil in den ich mich bei Tinkers so verliebt habe? Sind meine Erwartungen zu hoch? Was erwarte ich überhaupt von diesem Buch?

Paul Harding schreibt in Verlust die Familiengeschichte der Crosbys nicht unbedingt weiter, vielmehr fügt er ihr ein völlig neues Kapitel hinzu. Im Mittelpunkt steht Charlie Crosby, Enkel von George Washington Crosby – wobei das auch eher eine Randnotiz sein sollte.

Bei einem Unfall stirbt Charlies und Susans einzige Tochter Kate. Susan zieht aus und Charlie verwahrlost zusehends. Er betäubt sich mit Alkohol und Tabletten, duscht nicht und irrt umher wie ein Geist. Sein Schmerz über den Verlust seiner Tochter scheint ihn um den Verstand zu bringen und die wenigen wachen Stunden verbringt er damit, sich mit Erinnerungen an die Zeit mit Kate noch mehr Schmerzen zuzufügen. Die er dann wiederum mit Alkohol und Tabletten betäubt. Ein Teufelskreis aus dem Charlie scheinbar nicht mehr entkommen kann.

Paul Harding gelingt es, Charlies Schmerz physisch präsent zu machen, er wabert im Raum umher, ständig anwesend, ständig spürbar für mich. Ich pendele zwischen Mitleid – Der Mann hat sein einziges Kind verloren, seine Frau ist weg, er ist ganz alleine – und stetig wachsender Genervtheit – Komm endlich wieder auf die Beine, dein Kind wird nicht mehr lebendig, auch wenn du dich noch so gehen lässt – hin und her. Das Unverständnis wächst, der Ekel, die Resignation im gleichen Maße. Und doch kann ich nicht wegsehen und Charlie allein lassen. Wen hat er denn sonst noch?

Begleitet wird dieses Szenario von Paul Hardings wunderbaren und detaillierten Naturbeschreibungen, die in krassem Kontrast zu Charlies Verfall stehen und über weite Strecken das einzig Schöne sind, gleichzeitig aber auch immer wieder an Kate erinnern. So bleibt sie im gesamten Roman präsent, auch wenn sie tot ist.

Ob und wie Charlie sich aus seinem Teufelskreis befreien kann, will ich an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Als Fazit kann ich nur sagen, dass mich Verlust sehr berührt hat. Es ist nicht wie Tinkers, es ist ganz anders und dennoch nicht weniger wertvoll und lesenswert. Meine Angst war völlig unbegründet.


Enon
Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Erschienen am 15. Juni 2015
Genre: Zeitgenössische Literatur
272 Seiten
Format: Hardcover
ISBN-13: 978-3-630-87377-0

*Gelesen* Franz-Olivier Giesbert – Ein Diktator zum Dessert

11„Die Geschichte ist eine Sauerei. Sie hat mir alles genommen. […] Ich kann diese absurde Ehrfurcht nicht verstehen, die ihr die Menschen seit jeher entgegenbringen.“

Eine 105-jährige Protagonistin ist an sich schon ziemlich ungewöhnlich – wenn auch seit Jonas Jonassons Roman um einen umtriebigen Jahrhundertalten nicht mehr unmöglich – aber diese hier, mit Namen Rose, ist noch mal ein ganz anderes Kaliber.

Rose betreibt ein kleines Restaurant in Marseille, bedroht uneinsichtige Kriminelle auch mal mit der eigenen Waffe und hat in ihrem zarten Alter beschlossen, dass sie nun nicht mehr zu jung ist, um ihre Memoiren niederzuschreiben.

Was beim ersten Lesen recht lustig klingt, ist es nicht wirklich, denn Roses Lebensgeschichte ist geprägt von all den Abscheulichkeiten, die das zwanzigste Jahrhundert zum Jahrhundert der Mörder gemacht haben. Als gebürtige Armenierin erlebt sie den Genozid an Landsleuten und Familie; sie erlebt die Schrecken des Nationalsozialismus und des Maoismus. Sie erlebt Tod und Vertreibung, aber auch Liebe und Geborgenheit. All dies kann man in einer Rezension gar nicht erwähnen – 105 Jahre sind immerhin eine lange Zeit – es würde den Rahmen sprengen und zu viel vorweg nehmen. Darum nur so viel: Sie überlebt. Und sie liebt und lebt noch immer, auch wenn Vergeltung für sie kein Fremdwort ist. Vielleicht lebt sie auch gerade deswegen so gut und lange.

Franz-Olivier Giesberts Roman lässt beim Lesen des Klappentextes auf eine lustige Reise durch ein Jahrhundert hoffen, an den Hundertjährigen von Jonasson denken; fröhlich-leichter Lesespaß, eine schrullige Alte, Witze über Gebisse und Rollatoren wird man hier jedoch nicht finden. Vermissen allerdings auch nicht, denn Roses Geschichte ist eine Reise durch ein Jahrhundert, dass vor allem durch seine Gräueltaten charakterisiert werden könnte. Eine Geschichtsstunde, bei der das Lachen eher im Halse steckenbleibt, als laut heraus zu poltern.

Trotz allem Ernst schafft Ein Diktator zum Dessert aber, was nicht viele Romane schaffen, die sich der Themen Genozid und Nationalsozialismus annehmen, er schafft den Spagat zwischen gut recherchierter Ernsthaftigkeit und Unterhaltung, die ab und an auch schmunzeln lässt. Ein Roman, dessen Humor sehr subtil daherkommt, der sehr fein ist – ebenso wie Roses Köstlichkeiten, mit denen sie sich durch das Jahrhundert kocht. Kochen ist nicht nur Roses Leidenschaft, sondern zieht sich auch als roter Faden durch den gesamten Roman – inklusive Rezepte im Anhang.

Rose ist nicht die lustige Alte, auf die der Klappentext hoffen lässt, aber das ist gar nicht schade, denn Rose ist so viel mehr als das. Auch wenn sie „nur“ eine fiktive Person ist, kann man sie guten Gewissens als Zeitzeugin betrachten, die Ungeheures und ungeheuer viel erlebt und überlebt hat – und die trotz allem ihre Lebensfreue nie verloren hat und immer Ja zum Leben sagen wird.


La cuisinière d’Himmler
Aus dem Französischen von Katrin Segerer
Verlag: Carl’s Books
Erschienen am 16. März 2015
Genre: Zeitgenössische Literatur
336 Seiten
Format: Broschiert
ISBN-13: 978-3-570-58538-2

*Wochensterne des Büchermondes* [#22 bis #25]

Lange gab es keinen Wochenrückblick mehr – und dieser hier wird auch eher ein Monatsrückblick. Wobei es eigentlich nicht viel zu erzählen gibt. Der letzte Monat stand ganz im Zeichen der praktischen Gesellenprüfung. Erst Simualtion und dann die eigentliche Prüfung – und jetzt Warten. Ich hasse Warten. Es gibt nichts zu tun, nicht mehr zu ändern. Bis Dienstag noch, dann werde ich hoffentlich erlöst.

Außerdem ändere ich mal wieder was auf meinem Blog, es juckt mir richtig in den Fingern, hier mehr Profil reinzubringen. Dabei ist es gar nicht so leicht, seinen eigenen Stil zu finden ohne den anderer zu kopieren – oder das Gefühl zu haben, dass man das tut. Ich habe meine Leselandkarte gelöscht, weil sie mir nicht mehr gefiel – ich bin da recht schmerzfrei. Wenn es nicht mehr passt, muss es weg.

In meinem Regal steht seit Jahren das kleine feine Büchlein Mach dieses Buch fertig – und es ist noch ganz jungfräulich. Da werde ich mich demnächst mal ranwagen und eine eigene Kategorie zu eröffnen.

Ansonsten bin ich noch recht unentschlossen und für Vorschläge aller Art offen.


Gelesene Bücher:

21.121.221.3

 

 

 

 

 

Ich habe endlich die Zeit gefunden, die wunderbare Kluftinger-Reihe beenden zu können. Teil 7 Herzblut war schon ziemlich spannend und zum ersten Mal auch ein wenig eklig – Kluftinger ist ja sonst eher humorvoll, aber hier wurde es richtig blutig. Noch besser hat mir jedoch Teil 8 Grimmbart gefallen. Für mich ist das definitiv der beste Teil der Reihe, man merkt das Klufti eine ausgewachsene Persönlichkeit geworden ist, seine Ecken und Kanten kommen nun vollständig zur Geltung. Und hier kommt auch der Humor nicht zu kurz, ich habe oft Tränen gelacht. Kaum zu glauben, bei einem Krimi – denn hier fehlt die Spannung zum Glück auch nicht. Einfach eine runde Sache, die sich die beiden Autoren hier ausgedacht haben. Hoffentlich muss ich nicht so lange auf Teil 9 warten.

Gestern habe ich Teil 2 der Pure-Reihe beendet. Direkt danach bin ich auch schon in Teil 3 eingetaucht, so sehr hat mich Julianna Baggotts Trilogie in ihren Bann gezogen. Für mich steht fest, da muss ich dringend einen ganzen Beitrag zu schreiben, darum an dieser Stelle nur ein Riesenwow. Für mehr: Stay tuned 😉

*Gelesen* Carmen Rodrigues – Du bist das Gegenteil von allem

10Du bist oben, ich bin unten
Du weiß, ich schwarz
Du lebst – und ich bin tot.

Ellie ist 16. Wunderschön, mysteriös und mit einem gefährlichen Hang zur Selbstzerstörung. Ihr gebrochener Charme fasziniert jeden, der sie kennenlernt. Sie ist gleichzeitig stark und schwach. Sie ist einer von diesen Menschen, mit denen man befreundet sein möchte, auch wenn man weiß, dass es nicht gut für einen ist, aber man kann trotzdem nicht von ihrer Seite weichen, weil sie so fasziniert, weil sie so polarisiert. Weil man insgeheim hofft, sie retten zu können. Weil man selbst so sein möchte.

In einer einzigen Nacht ändert sich dann alles. Ellie und Sarah verbringen den Abend zusammen, niemand weiß, was passiert. Beide schlucken Tabletten, zu viele Tabletten. Sarah kann im Krankenhaus gerade noch so gerettet werden, doch Ellie stirbt. Wollten die beiden Freundinnen sich wirklich umbringen oder war das alles ein Unfall? Ist aus dem Spiel mit Leben und Tod bitterer Ernst geworden?

Zurück bleiben ihr Bruder Jake, ihre beste Freundin Sarah und deren Schwester Jess, sie alle sind fassungslos – und sie alle haben keine Antworten auf ihre Fragen. Alle drei sind auf ihre Weise tief in Ellies Leben und ihren Tod verstrickt und müssen jetzt damit fertig werden, dass sie Ellie nicht retten konnten. Sie müssen zurückfinden in ein Leben ohne die Freundin und Schwester – aber wie soll das funktionieren, wenn sie die Wahrheit nicht kennen?

Carmen Rodrigues hat mit Du bist das Gegenteil von allem einen bewegenden und tiefgründigen Jugendroman geschrieben. Auch wenn das Thema Selbstmord nicht neu ist, und ich schon einige Bücher zu diesem Thema gelesen habe, wird es nicht langweilig. Auch wenn die Autorin sich einiger Stereotypen bedient, schaden sie der Geschichte nicht; sie passen zu den Charakteren und sind genau am richtigen Fleck in die Handlung eingebaut.

Carmen Rodrigues springt zwischen den Perspektiven und Gegenwart und Vergangenheit hin und her und zeichnet so ein Bild von Ellie, wie ihre Freunde und ihr Bruder sie gesehen haben, in welcher Beziehung sie zu ihr standen und welche Geheimnisse sie gemeinsam gehütet haben – und dabei kommen einige ans Licht, auch solche, die man nie erwartet hätte. Ellie selbst kommt dabei nie direkt zu Wort. Ihre Perspektive und einen Einblick in ihre Seele erhaschen wir nur durch die Zettel, die sie geschrieben hat und die Jake nach ihrem Tod findet – für mich einer der spannendsten Aspekte dieses Romans, denn so weiß ich nie, wie nah ich an der Wahrheit tatsächlich dran bin oder ob alles bloß subjektive Empfindungen von Sarah, Jess und Jake sind. Erzählen sie uns, was wirklich passiert ist oder wird die Geschichte von ihren Gefühlen widergespiegelt?

Sie schafft es, ein Gleichgewicht zu schaffen, zwischen dem Warum und dem Danach. Was war vor dem Selbstmord und was danach? Sie trennt dabei auch in den einzelnen Kapiteln streng zwischen Davor und Danach, als hätte sich die Welt komplett geändert – was für Jess, Jake und Sarah ja auch der Fall ist, und wir als Leser werden da kompromisslos mit einbezogen.

Ich habe mich bis zum Schluss gefragt, ob es ein Währenddessen gibt, ein Darum oder Weil. Eine Erklärung oder die Geschichte der Nacht, die alles verändert hat. Ich werde die Antwort auf diese Frage hier natürlich nicht verraten.


Originaltitel: 34 Pieces of You
Aus dem Englischen von Katharina Ganslandt
Verlag: cbt
Erschienen am 30. März 2015
Genre: Jugendliteratur
384 Seiten
Format: Hardcover
ISBN-13: 978-3570161586

*Wochensterne des Büchermondes* [#20 und #21]

Es gibt Bücher, die hat man schon seit gefühlt ewigen Zeiten im Bücherregal stehen und trotzdem nicht gelesen. Ungelesene Schätze. Warum sie noch ungelesen ist, ist in den meisten Fällen gar nicht zu erklären. Man hat sie gekauft, weil der Klappentext ansprechend war -klar, sonst hätte man das ja nicht getan – aber dann, zu Hause angekommen, hat man das Buch dann zügig ins Regal gestellt. Man hat es eventuell noch ein-, zweimal umgestellt und in einigen Fällen ist es sogar schon einmal mit umgezogen. Trotzdem. Es steht da und ist so ungelesen wie am ersten Tag. Warum erzähle ich das?

Bei mir im Regal stehen auch ein paar dieser Schätze. Sie tun mir leid. Es muss ja auch anstrengend und frustrierend für so ein Buch sein, zwischen seinen ganzen gelesenen Nachbarn zu stehen, die sich immer wieder zuflüstern „Als sie mich gelesen hat, musste sie weinen.“ oder „Bei mir hat sie ganz schön lachen müssen, ich bin nämlich sehr witzig.“ Dann steht es da und denkt sich „Mich hat sie noch gar nicht gelesen, mich mag sie nicht.“ Nach und nach werde ich diese Bücher von ihrem Schicksal befreien.

Das erste Buch, das mir auf meiner Mission in die Finger fiel, war Memento – Die Überlebenden von Julianna Baggott. Was mir bis dato nicht bewusst war, ist, dass es der erste Band einer Trilogie ist. Großartig, da hab ich ja was tolles gekauft, Band zwei und drei stehen nämlich nicht im Regal. Dabei weiß ich noch genau, wo ich das Buch gekauft habe; und mit welchem Buch zusammen. Ich fand es total witzig, zwei Bücher zu kaufen, die so ganz unterschiedlich sind und doch im Namen so ähnlich – ich habe es mit Roger Willlemsens Momentum erstanden – wobei das auch noch ungelesen ist.

Meine Klufti-Challenge habe ich auch nicht geschafft – heute ist Pfingstsonntag und ich bin bei Band 7 Herzblut. Das ist aber gar nicht weiter tragisch, ich lese einfach in meinem Tempo weiter, bis ich fertig bin und vielleicht ist bis dahin auch ein neuer Band erschienen – wer weiß.

Gestern stand hier alles im Zeichen des ESC. Ich bin ja seit vielen Jahren ein großer Fan der Veranstaltung und lasse es mir nie nehmen, die Sendung anzuschauen. Der ESC ist heilig, da darf niemand stören! Nur eine Tüte Chips, eine Flasche Hugo und mein Fernseher – mehr brauche ich gar nicht. Rudelgucken? Ohne mich, ich mag es da lieber gemütlich. Das hier war übrigens mein Favorit:

Schade, dass es für Deutschland keine Punkte gab, dabei war Ann Sophie richtig gut. Und nein, ich verliere mich jetzt nicht in irgendwelchen Verschwörungstheorien, dass für uns niemand anruft, weil uns niemand leiden kann und dass da eh ein Komplott hintersteckt und wir es doch sein lassen sollten mit dem Teilnehmen. Ist mir zu platt, sorry. Alle Unkenrufer setzen sich bitte an den nächsten Teich. Ich freue mich jedenfalls schon auf nächstes Jahr in Stockholm.


Gelesene Bücher:

19.1 20.1

 

 

 

Schutzpatron ist der sechste Band der Kluftinger-Reihe und wenn ich ehrlich bin, ist er ein klein wenig schwächer als seine Vorgänger. Ich kann gar nicht genau an einer Sache festmachen, woran das liegt, aber es fehlt ein wenig die Spannung. Insgesamt ist Band 6 ein wenig behäbiger, auch wenn der Humor hier wie in den anderen Bänden der Reihe nicht zu kurz kommt. Trotzdem war es wieder ein Lesevergnügen, Klufti beim Ermitteln und Aufklären zu  begleiten.

Memento war eine gelungene Überraschung – wobei ich das Wort „Lesevergnügen“ hier nicht verwenden kann. Die Geschichte um Pressia, Bradwell und Partridge ist zu bedrückend, um als Vergnügen bezeichnet zu werden. Pressia und Bradwell leben in einer von Bomben zerstörten Stadt, während Partridge im Kapitol unter einer Glasglocke lebt – und Glasglocke ist hier wörtlich zu nehmen, denn die Hauptstadt ist geschützt und abgeschottet von der Zerstörung und dem Leid rings um sie herum. Wie die drei schließlich zusammenfinden, was für eine Mission sie haben und was es mit Pressias Hand und einem Puppenkopf auf sich hat, das solltet ihr am besten selber lesen. Aber lasst euch gewarnt sein – der Roman ruft Bilder im Kopf hervor, die so leicht nicht mehr verschwinden. Ein Jugendroman ist es defintiv nicht, dazu sind die Bilder und Szenarien zu heftig. Ich werde die drei trotzdem weiter begleiten, denn Die Überlenden ist der Auftakt zu einer Trilogie und ich bin gespannt, wie es weiter geht und ob es noch heftiger wird.

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