21Bekanntlich beginnt ja jede Reise mit dem ersten Schritt. Im Fall von Amy Snow ist der Beginn ihrer Reise ein wenig komplizierter. Als Baby in einer Schneewehe ausgesetzt (daher auch ihr Nachname, Snow) wird sie von der 10-jährigen Aurelia gefunden und darf im Herrenhaus Hartville Court aufwachsen. Also, natürlich nicht wirklich im Haus selbst; in der Küche richtet man ihr einen Platz ein, denn ein Findelbaby ist unter dem Niveau von Aurelias reichen Eltern.

Zu ihrem Glück entwickelt sich zwischen ihr und Aurelia jedoch eine tiefe Freundschaft, die ihr ermöglicht, in Hartville Court zu bleiben. Dort ist sie zwar nur geduldet und wird von Aurelias Mutter bei jeder Gelegenheit gequält, aber ihre Liebe zu Aurelia lässt sie all dies immer wieder vergessen.

Als Aurelia viel zu früh stirbt, muss Amy das Haus verlassen. Jedoch nicht, ohne von ihrer Freundin auf eine Reise geschickt zu werden, eine Reise voller Rätsel und Puzzle, an dessen Ende Amy das größte Geheimnis in Aurelias Leben erfahren soll.

Auf den ersten Blick (auf den Klappentext) scheint es so, als würde Die Reise der Amy Snow nur so mit Klischees um sich werfen. Ein armes Findelkind (ohne eine Spur zu möglichen Eltern), ein reiches Mädchen (ein wenig älter, damit sie auch klar über dem Findelkind stehen kann), eine böse Mutter, die das arme Mädchen quält, wo immer es geht. Und dann ist diese Amy Snow auch noch so unglaublich devot und wirkt eher wie Aurelias Spielzeug, als ihre Freundin, mehr wie ein Haustier, das sie sich zu ihrer Unterhaltung hält und das sie nach ihren Vorstellungen formen kann. Auch Aurelias früher Tod – an Herzschwäche, was auch sonst – passt da perfekt hinein, ebenso wie die Tatsache, dass Amy nach Aurelias Tod sofort vom Hof gejagt wird, wie ein Hund, den keiner mehr haben will.

Doch dann ändert sich der Roman. Aus einer historischen Arme-Mädchen-Story wird eine Abenteuergeschichte, eine Art Schnitzeljagd, denn Aurelia hat Amy neben einem Umschlag mit Geld auch einen Brief hinterlassen, ein Rätsel, das sie nach London führt – um dort den nächsten Hinweis auf Aurelias Geheimnis zu finden. Amy weiß zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht, wohin sie ihre Reise führen wird – und auch ich kann nur spekulieren und rätseln – aber sie lässt sich auf das Abenteuer ein. Okay, ihr bleibt ja auch nichts anderes übrig, außer sich zu prostituieren, aber trotzdem finde ich das ziemlich mutig von ihr.

Durch diese Wendung kommt Spannung in den Roman, Amy ist nicht mehr das arme kleine Mädchen, sie muss auf eigenen Füßen stehen und versuchen, alleine zurecht zu kommen. Sie folgt einem Hinweis nach dem anderen, zweifelt zwischendurch an der Richtigkeit ihrer Reise, lernt Männer kennen, findet neue Freunde und bemerkt, dass es eine Welt gibt, in der man sie mag.

Genau diese Reise, dieses eine Wort – Schnitzeljagd – das mir beim Lesen des Klappentextes sofort in den Sinn kam, war es jedoch, was mich so neugierig gemacht hat, den Roman trotzdem zu lesen, trotz aller Klischees, die sich nicht leugnen lassen. Und ich kann auch nicht leugnen, dass ich Amy und Aurelia zu Beginn der Geschichte noch nicht wirklich mochte – wahrscheinlich weil ich sie noch nicht richtig verstanden habe. Amy war da nur das devote kleine Mädchen und Aurelia das zwar leicht eigensinnige, aber dennoch verwöhnte reiche Gör. Auch ich musste eine Art Reise antreten, um die beiden wirklich zu verstehen und um hinter die Fassade blicken zu können. Und dann habe ich die beiden auch in mein Herz schließen können.

Die Reise der Amy Snow ist also mehr als ein Klischeeroman, es ist ein Reiseroman und ein Entwicklungsroman, mit einer (später) sympathischen Heldin, die sich vom Schoßhündchen zur eigenständigen Frau entwickelt. Und das Ganz noch vor historischer Kulisse – was will man da mehr?

Für mich ist Tracy Rees Roman ein echter Überraschungserfolg, der mich mitgenommen hat auf eine spannende Reise, der mich hat rätseln und spekulieren lassen, mitfühlen lassen mit Amy und Aurelia  – auch wenn es am Ende dann wieder ein wenig zu kitschig für meinen Geschmack wurde. (Wirklich nur ein wenig, eigentlich fand ich es auch schön. So fürs Herz.)


Amy Snow
Aus dem Englischen von Elfriede Peschel
Verlag: List
Erschienen am 14. März 2016
Genre: Historischer Roman
480 Seiten
Format: Broschiert
ISBN-13: 978-3-471-35136-9