20Wer war sie, diese Alice Salmon? Studentin. Journalistin. Tochter. Freundin. Geliebte. Tagebuchschreiberin. 25-jährige Wasserleiche. All das war Alice.

War. Denn der Roman beginnt mit ihrem Tod am 4. Februar 2012. Alice Leiche wird am Morgen des 5. Februar zufällig im Fluss treibend entdeckt – und löst damit eine ganze Welle an Spekulationen aus.

War es ein Unfall? Immerhin war Alice am Abend in mehreren Kneipen und nicht mehr ganz nüchtern – um nicht zu sagen, stockbesoffen. Da kann es doch leicht passieren, dass man ausrutscht und in den Fluss fällt, sich nicht mehr ans Ufer retten kann, unterkühlt und schon ist es aus und vorbei.

Oder war es Selbstmord? Besonders stabil war Alice noch nie, sie hat sich in ihrer Jugend selbst verletzt und war dem Kokain nicht abgeneigt. Sie galt als impulsiv und ich-bezogen, hatte sich gerade von ihrem Freund Luke getrennt. Man könnte sie durchaus auch als depressiv bezeichnen – also, was liegt näher, als dass sie selbst gesprungen ist, weil sie das alles nicht mehr ertragen hat?

Eventuell – und das ist die furchtbarste aller Vermutungen – war es aber auch Mord. Mit ihrer Arbeit als Journalistin hat sich Alice nicht nur Freunde gemacht, es gab Menschen, die sie deswegen bedroht haben. Von denen könnte ihr am Abend einer aufgelauert haben – sie war nicht besonders vorsichtig mit ihren privaten Informationen in sozialen Netzwerken. Oder nehmen wir ihren Freund Luke. Sie hat ihn verlassen und unerfüllte Liebe war schon immer ein beliebtes Mordmotiv. Ganz oben auf der Liste steht dann natürlich auch Professor Jeremy Cooke, der seit ihrer ersten Begegnung ganz besessen von Alice war – und das nicht nur, weil er mal eine Affäre mit ihrer Mutter hatte.

Die Wahrheit wird – natürlich – erst am Ende aufgedeckt. Und sie ist schockierend.

T. R. Richmonds Roman ist ungewöhnlich, denn im Grunde genommen passt die Bezeichnung „Roman“ schon gar nicht. Für mich gehört zu einem Roman im klassischen Sinne ein Erzähler, einer der von außen aufs Geschehen schaut und es kommentiert. Oder eben einer der Protagonisten, der uns durch seine Augen mit durch die Geschichte nimmt. Doch der fehlt hier. Stattdessen ist Wer war Alicevielmehr eine vielstimmige Collage aus Tagebucheinträgen, Briefen, Mails, Blogeinträgen, Chats und SMS.

Natürlich könnte man argumentieren, dass Alice in ihren Tagebucheinträgen, Megan in ihren Blogs, Prof. Cooke in seinen Briefen ja auch in gewisser Weise erzählen, aber sie erzählen eigentlich keine Geschichte. Sie bilden vielmehr ein Puzzle, aus dem nach und nach ein Bild von Alice und dem Geschehen in der Nacht vom 4. Februar entsteht.

Interessant ist dabei wie diese Ausschnitte meine Meinung und Sympathien als Leser lenken, und wie sie mein Bild von Alice beeinflussen. Leider lenken sie meine Sympathien ein wenig in die falsche Richtung und spielen sich dabei auch selbst ins Aus, denn von den Protagonisten, sei es Alice beste Freundin Megan, ihr Freund Luke, oder Professor Cooke, hat keiner meine Sympathien bzw. verliert sie im Laufe der Geschichte immer mehr. Und auch mit Alice als eigentlicher Hauptperson werde ich einfach nicht warm. Sie wird mir eher immer unsympathischer, je mehr ich das Puzzle um ihre Person zusammenlege.

Was also nun? Kein Roman im herkömmlichen Sinne, und auch keine Person, die mir sympathisch ist, keine Seite, auf die ich mich schlagen kann. Muss ich nun enttäuscht sein? Nein, muss ich nicht, denn T. R. Richmonds Roman ist trotzallem eine spannende Collage, die zeigt, wie sehr sich Sympathien lenken lassen in dem Versuch, das Bild einer Person zu zeichnen.

Ich habe einen Eindruck davon erhalten, wer Alice war – mögen muss ich sie ja deshalb nicht.


What She Left
Aus dem Englischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann
Verlag: Goldmann
Erschienen am 29. Februar 2016
Genre: Thriller
448 Seiten
Format: Paperback
ISBN-13: 978-3-442-20508-0