19„Komm gib auf, komm gib auf, sagt mir mein Verstand
und ich schau aus grauen Augen stumm an die Wand.
Und ich suche den Raum ab doch find‘ keine Tür,
’n Weg nach draußen, noch schnell weg von hier.“
(Johannes Oerding – „Alles brennt“)

Málaga. Das zerfließt auf der Zunge wie Eiscreme. Das klingt nach Sonne, Strand und Meer. Nach Abenteuer und Freiheit. Nach nie wieder nach Hause zurückkehren. So stellen es sich Stick und sein bester Freund Mac jedenfalls vor. Sie wollen raus aus Manchester, raus aus ihrem Alltag, raus aus all dem Dreck und der Enge ihres bisherigen Lebens. Einfach nur weg, ins Auto setzen und ab nach Málaga.

Noch einmal wollen die beiden mit ihrer Clique feiern – wer weiß denn schon, wann und ob man sich wiedersieht? Am nächsten Morgen wacht Stick mit einem mächtigen Kater und Filmriss auf – und Mac ist tot. Erstochen.

Schnell findet man einen Verdächtigen, doch die Beweise reichen nicht aus, um ihn anzuklagen. Er wird wieder auf freien Fuß gesetzt.

Stick bleibt allein zurück. Mit seiner Wut und seiner Trauer. Auf diesen Mann, der seinen besten Freund erstochen hat. Auf seine Mutter, die ihr Leben nicht auf die Reihe kriegt. Auf seinen Vater, der immer nur kluge Ratschläge für ihn hat, aber davon kann er sich auch nichts kaufen. Er lässt niemanden an sich heran, weil ihn ja eh niemand verstehen kann. Weil niemand verstehen kann, wie wichtig ihm dieser gemeinsame Trip war. Wie sehr er sich wünscht, aus allem auszubrechen und sein Leben hinter sich zu lassen.

Dann tritt J in sein Leben, die verrückte, bunte, lebenshungrige J – und mit ihr kann er sich wenigstens wieder ein bisschen lebendig fühlen. Aber schafft sie es auch, die Lücke in seinem Herzen zu füllen?

Wut und Trauer, Verlust und Angst, die erste Liebe, das Abnabeln von der Familie – all diese Themen versucht Sarah Butler in ihrem Roman zu verpacken.

Damit trifft sie mitten ins Herz. Sie schafft es, Sticks Wut genau wie seine innere Zerrissenheit so darzustellen, dass sie greifbar werden. Sie lodert unter der Oberfläche, schwelt und will hinaus. Stick kann seine Wut nur mit Mühe und Not zurückhalten. Vor dem Hintergrund der Londoner Unruhen 2011, die auch scheinbar unaufhaltsam auf Manchester zurollen, wird deutlich, dass sich Stick in eine für ihn gefährliche Richtung entwickelt. Man spürt, dass er genau der Typ ist, der sich daran beteiligen könnte. Der genau diese Situation nutzt, um ein Ventil für seine Wut zu finden.

Und man möchte ihn dabei einfach nur in den Arm nehmen und sagen, dass alles wieder gut wird und ihn schütteln, damit er sein Leben auf die Reihe bekommt und nicht in seinem Elend versinkt. Diese beiden Emotionen löst Die Nacht brennt in mir aus. Tiefes Mitgefühl für Sticks Verlust und seine Wut, die auch Wut in mir auslöst , darüber, dass niemand ihn zu verstehen scheint und jeder mit einem Rat um die Ecke kommt und meint, er wisse, was das Beste für ihn sei (Mal ehrlich, haben wir das nicht früher alle gehasst wie die Pest?) Gleichzeitig aber auch Unverständnis darüber, dass er so viele gutgemeinte Ratschläge ohne mit der Wimper zu zucken in den Wind schießt (Sooo schlecht sind die ja auch nicht und sie meinen es doch nur gut mit ihm und machen sich Sorgen.)

Sarah Butler schafft es, ein wahres Gefühlschaos in mir auszulösen mit ihrem Roman, der so dicht und doch so klar ist und es schafft, so viele Themen in sich zu vereinen. Das Beste, was sie schafft, ist jedoch, dass sie mir gleich einen Soundtrack zu ihrem Buch mitgibt. Ein Lied, dass mir beim Lesen nicht mehr aus dem Kopf ging, und dessen Text so perfekt zu Stick passt, als hätte er selbst es geschrieben. (Hat er natürlich nicht. Es war Johannes Oerding, und das Lied heißt passenderweise „Alles brennt“)

 


Before the Fire
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Verlag: Droemer
Erschienen am 1. März 2016
Genre: Jugendliteratur
288 Seiten
Format: Paperback
ISBN-13: 978-3-426-30444-0

Vielen Dank an den Droemer-Verlag, der mir Die Nacht brennt zur Verfügung gestellt hat.