16Es gibt Bücher, die werden schon im Vorfeld unwahrscheinlich gehypt. Girl on the Train war so eins – ich mochte es, aber den Hype habe ich nicht verstanden. The Widow von Fiona Barton soll nun also „2016’s The Girl on the Train“ sein. Das weckt Erwartungen. Hohe Erwartungen. Im Grunde genommen viel zu hohe Erwartungen für so ein kleines Buch von 320 Seiten. Wie soll es dem gerecht werden? Es muss ein Bestseller werden, so viel steht fest. Ein Buch, dass man mindestens einmal am Tag in der Bahn sieht. Das einem von Kollegen empfohlen wird und dass in jeder Morgenmagazinfrühstückssendung in die Kamera gehalten wird. Eins, dass man unbedingt gelesen haben muss.

Und dann – dann hält man es selbst in Händen, im englischen Original, und schlägt erwartungsvoll die erste Seite auf. Beginnt zu lesen. Versinkt in der Geschichte.

Glen ist tot. Glen, der liebende Ehemann, für den seine Frau Jean scheinbar alles war, dass er im Leben brauchte. Um die er sich treusorgend, fast schon ein wenig zu kontrollierend gekümmert hat. Der keiner Fliege etwas zuleide tun könnte.

Glen, das Monster. Als vor vier Jahren die kleine Bella aus dem Vorgarten ihres Elternhauses verschwand, führte die Spur schnell zu Glen. Er war mit seinem Lieferwagen in der Nähe – und auf seinem Computer fand man Kinderpornos. Im Prozess wurde Glen zwar freigesprochen – man konnte ihm die Tat einfach nicht nachweisen – aber die Presse und Bellas Mutter hatten ihn da schon als Täter verurteilt. Glens und Jeans Leben ist nicht mehr das selbe – sie verlieren ihre Jobs, werden von Journalisten belagert und trauen sich kaum noch auf die Straße. Freunde wenden sich ab, sie sind die meistgehassten Menschen in ganz England. Ein ruiniertes Leben.

Als nach Glens Tod die Reporterin Kate an Jeans Tür klopft, sieht diese ihre Chance gekommen. Sie ist frei. Endlich kann sie ihre Version der Geschichte erzählen.

Klingt soweit doch ganz spannend, oder? Gut, nicht gerade innovativ. Auch nicht so neu und originell, dass es den Hype rechtfertigen würde. Aber spannend. Im Nachhinein bin ich mir allerdings nicht mehr sicher, ob ich The Widow das Attribut „spannend“ verleihen würde. Intensiv – ja. Psychologisch interessant – das auch. Aber spannend? Eher nein.

Der Fokus liegt von Anfang an auf Glen als Täter. Das ändern auch die Perspektiv- und Zeitwechsel nicht. Auch wenn die den Roman erst lesenswert machen. Zu Wort kommen neben der Witwe – ich finde es dabei interessant, dass in der Kapitelüberschrift nicht die Namen der erzählenden Personen erwähnt werden – die Reporterin, der ermittelnde Kommissar, und später auch die Mutter der kleinen Bella und der Ehemann. Wie gesagt, das macht es lesenswert – und Fiona Barton schreibt auch sehr ansprechend – aber es rechtfertigt immer noch nicht den Hype.

Psychologisch interessant sind in The Widow vor allem die Personen. Sie haben eins gemeinsam – die kleine Bella. Dabei ist mir keiner von ihnen wirklich sympathisch geworden, sie alle haben ihre dunkle Seite – mal mehr, mal weniger – und Geheimnisse und Abgründe, die im Laufe der Geschichte ans Licht kommen. Dadurch verändert sich die Sicht auf die Geschichte, neue Aspekte kommen zutage, die man so nicht vermutet hätte. Es hat ein wenig was vom Schrecken hinter sauberen Vorstadttüren; die aalglatte Reporterin ist doch nicht so objektiv, wie sie es sein sollte – und erst recht nicht aalglatt, die fürsorgliche Mutter hat doch nicht immer so fürsorglich auf ihr Kind aufgepasst, der treusorgende Ehemann war nicht so treu, und auch nicht sorgend, und die trauernde Witwe hat ein wohl gehütetes Geheimnis und eine geheime Obsession. Nach und nach fallen die Masken – aber rechtfertigt das jetzt den Hype? Leider nein. Die Charaktere sind in sich zwar stimmig und auch vielschichtig ausgearbeitet, aber dadurch, dass man sich auf die Seite von keinem von ihnen schlagen kann, fehlt etwas. Es fehlt die Identifikationsfigur; der eine Charakter, mit dem man mitleidet.

Ich frage mich, ob meine Bewertung ohne diese Vermarktung, ohne das Label „The ultimate psychological thriller“ zu sein, wohl auch so ausgefallen wäre. So ein wenig enttäuscht, obwohl es nichts zum enttäuscht sein gibt. Was wäre, wenn es einfach nur ein Buch unter vielen hätte sein dürfen? Das Debüt einer jungen Autorin, psychologisch dicht, aber mit ein paar Schwächen, die man ihm nicht unbedingt übel genommen hätte. Lesenswerte Unterhaltung, ohne zu viel sein zu wollen. Was wäre, wenn?

Armes kleines Buch, der Hype war wohl zu viel für deinen schmalen Rücken.

(P.S.: Am 21. Mai erscheint die deutsche Ausgabe unter dem Titel Die Witwe im Wunderlich Verlag.)


Verlag: Bantam Press
Erschienen am 14. Januar 2016
Genre: Thriller
320 Seiten
Format: Paperback
ISBN-13: 978-0-593-07622-4