18Im Sommer 1929 ereignet sich in einer Kleinstadt in Missouri ein schreckliches Unglück. Eine Explosion auf einer Tanzveranstaltung reißt 42 Menschen in den Tod – darunter auch Almas Schwester Ruby. Nach Rubys Tod ist Alma schwer traumatisiert, lässt sich immer mehr gehen und wird als letzte Konsequenz sogar zwangseingewiesen, zudem die wahren Ursachen nie ans Licht kamen. Wirklich erholen wird sie sich nie mehr.

40 Jahre nach der Tragödie will sie nicht länger schweigen. Sie erzählt ihrem Enkel Alek, dem Erzähler des Romans, was wirklich passiert ist. In dieser Nacht. Mit Ruby.

Im Grunde genommen geht es in Daniel Woodrells Roman weniger um die tragische Unglücksnacht als um die Wochen davor und die Jahre danach. Es geht mehr darum, was passiert, wenn man Geheimnisse lüftet, die besser ungelüftet geblieben wären. Was passiert, wenn man die falschen Fragen stellt und die nach den falschen Antworten sucht. Alma hat das getan und muss nun immer noch mit den Konsequenzen leben.

In einer Kleinstadt als Außenseiter zu gelten ist hart. Das erzählt In Almas Augen. Wie es ist, in Armut zu leben, seinen Kindern noch nicht einmal eine warme Mahlzeit bieten zu können, während die Familie, in der Alma als Haushälterin arbeitet, es nicht zu schätzen weiß. Daniel Woodrell beschreibt eine harte Welt, in der jeder Tag hartes Überleben ist und nichts an Südstaatenromantik aus Vom Winde verweht erinnert.

Sprachlich erzählt Daniel Woodrell auf ganz hohem Niveau. Schnörkellos und direkt. Ungeschönt und brutal. Ich mag diese Art zu erzählen, die so pur ist. Vermutlich wird In Almas Augen deshalb auch nicht mein letztes Buch von ihm sein. Und trotzdem kann ich mit der Geschichte an sich nicht viel anfangen. Ich habe immer noch das Gefühl, etwas grundlegendes verpasst zu haben, wichtige Informationen überlesen zu haben. War da am Ende wirklich eine Aufklärung?

Alma bleibt mir als Charakter fremd. Ich kann ihre Trauer und ihren Verfall nicht verstehen, geschweige denn nachvollziehen. Ihre Welt ist mir fremd. Es ist, als würde ich sie von außen durch ein Fenster beobachten, ohne sie hören zu können. Leider gelingt auch die Verbindung in die Gegenwart mit ihrem Enkel Alek nicht wirklich, er ist nur verschwommen gezeichnet und kaum als eigenständige Person für mich wahrnehmbar.

Am Ende bleibt ein zwiegespaltenes Lesegefühl. Das Gefühl, ein Stück großartiger Literatur in Händen zu halten, Sprachkunst vom Feinsten. Und das Gefühl, etwas entscheidendes verpasst zu haben.

P.S.: Und warum stand dieser Roman auf der KrimiZeit-Bestenliste, wenn es doch gar kein Krimi ist? Mal ehrlich, weniger Krimi geht eigentlich kaum. Nur, weil ein Verbrechen geschieht, ist ein Roman noch lange kein Krimi. Ich muss aber auch nicht alles verstehen.


The Maid’s Version
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Verlag: Heyne
Erschienen am 13. Juli 2015
Genre: Gegenwartsliteratur
Format: Paperback
192 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-43791-3