Bücher, Mond und Sterne

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*Blogtour* Isabel Abedi – Die längste Nacht [#Tag 8]

Eine Blogtour ist immer wieder spannend für mich. Meistens ist es eine reine Herzensentscheidung. Sagt mir das Buch zu, könnte es mir gefallen? Wenn ja, bin ich gerne dabei. Und dann fangen die Überlegungen an. Was mache ich? Eine einfache Rezension? Nein, zu banal. Aber etwas von meinem Leseindruck möchte ich schon hinterlassen.

Mir geht es oft so, dass ich beim Lesen plötzlich bestimmte Lieder im Kopf habe. Entweder sind es nur kurze Zeilen aus dem Text, oder ganze Lieder – sei es, weil sie gerade im Radio laufen und mir auffällt, dass sie perfekt passen, oder weil sie mir spontan in den Kopf kommen. Meistens bemerke ich dann erst später, dass eine bestimmte Zeile genau passend für die Story oder ein Gefühl im Buch ist. Bei Isabel Abedis Buch hatte ich sofort das Lied von Silbermond „Durch die Nacht“ im Kopf – aber das war wohl eher eine Assoziation zum Buchtitel.

Aber dadurch entstand die Idee, meine Rezension mit einer Art Playlist zu verbinden, die mir beim Lesen durch den Kopf gingen.

978-3-401-06189-4“ Ich hab Fernweh nach der Welt
und muss jetzt weiter zieh’n
und ich weiß du kennst das Ziel.“
(Luxuslärm – 1000 Kilometer bis zum Meer)

Das Abitur in der Tasche, will Vita nur eins – raus. Zusammen mit ihren besten Freunden Trixie und Danilo hat sie jahrelang auf diesen Traum hin gespart – und nun ist es endlich so weit. Mit einem alten VW-Bus machen sich die drei auf die Reise. Quer durch Europa. Nur leider hat Vita den Kopf nicht ganz so frei, wie es ihr lieb wäre. Ständig gehen ihre Gedanken zurück zum Tag vor ihrer Abfahrt, an dem sie einen Blick in ein Manuskript im Arbeitszimmer ihres Vaters geworfen hatte. Wenige Sätze haben ausgereicht, der Name einer Stadt – Viagello – um sie aus der Bahn zu werfen. Viagello, dieser Name hat eine eigentümliche Anziehungskraft auf sie, die sie sich nicht erklären kann.

„Just like a moth drawn to a flame
Oh, you lured me in, I couldn’t sense the pain“
(Shawn Mendes – Stitches)

Wie durch Zufall – oder ist es eher Fügung? – erreichen die drei eben diese kleine Stadt in Italien. Wo Vita Luca, der Seiltänzer, fast vor die Füße fällt. Die beiden fühlen sich vom ersten Moment an zueinander hingezogen und so kommt es, dass Luca Vita und ihre Freunde auf seinem Grundstück campen lässt. Dann lernt Vita Lucas Familie kennen – und plötzlich ist alles anders. Lucas Eltern kennen Vita, und ihre Familie nur zu gut, doch sie wollen nicht so recht mit der Sprache rausrücken. Es muss etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun haben – und mit ihrer verstorbenen Schwester Livia, an die sich selbst kaum noch erinnern kann. Vita muss weg, sie kann nicht dort bleiben, wo man ihr mit so viel Hass begegnet.

„Ich will weg von hier!
Doch es scheint egal wohin ich lauf,
das mit Dir hört nicht auf,
sag mir wann hört das auf!“
(Silbermond – Durch die Nacht)

Vita findet sich in einer Zwickmühle wieder. Einerseits will sie so schnell wie möglich weg von all den merkwürdigen Erinnerungsfetzen, die in ihr aufkommen. Andererseits will sie die Wahrheit wissen; wissen, was mit ihrer Schwester damals passiert ist. Und sie will Luca nicht verlassen. Und auch Luca ist davon überzeugt, dass man ihnen etwas verschweigt. Etwas, dass mit ihrer aller Vergangenheit zu tun hat.

Was mich an Isabel Abedis Roman sofort in den Bann gezogen hat, war ihre Art zu schreiben. Vita will uns ihre Geschichte erzählen und das tut sie dann auch. Ich bin sofort bei ihr und will wissen, was sie zu erzählen hat. Was hat sie auf ihrer Reise nach Italien über ihre Schwester erfahren? Damit hat sie mich sofort – und sie wird mich auch nicht wieder los auf dieser Reise. Dabei ist es überhaupt nicht schlimm, dass die eigentliche Reise mit dem VW-Bus nicht sehr viel Platz einnimmt, denn die Reise, die wirklich wichtig ist, ist die Reise in die Vergangenheit.

„Once upon a different life
We rode our bikes into the sky
But now we crawl against the time
Those distant days are flashing by“
(James Bay – Hold back the River)

Daher ist es auch nur logisch, dass sich ein Großteil der Handlung in Viagello abspielt. Und dass alles darauf hinausläuft zu erfahren, was in jener Nacht passiert ist, als Vitas Schwester starb. Bis dahin pendelt Die längste Nacht angenehm zwischen Krimi und Lovestory hin und her, ohne dabei Vitas Entwicklung von einem verunsicherten Mädchen zu einer selbstsicheren jungen Frau aus den Augen zu lassen.

Vita, die jüngste der kleinen Reisegruppe, die ohne Führerschein, erscheint am Anfang eher wie ein Anhängsel von Trixie und Danilo, wie das fünfte Rad am Wagen, bevor sie sich in den Vordergrund spielen kann. Und auch dann scheint sie sich eher schuldig zu fühlen, dass sich von nun an alles um sie zu drehen scheint. Vita, die mit der scheinbar lieblosen Mutter und dem übermächtigen Vater, mit der verstorbenen Schwester, über die niemand mit ihr reden möchte. Die nicht genau weiß, was sie nach dem Abitur mit ihrem Leben anfangen möchte. Vita, die sich nachts am liebsten an ihren Kuschelhasen Hannibal klammert. Und dann auch Vita, die nicht locker lässt, um endlich die Wahrheit über den Tod ihrer Schwester zu erfahren. So schwach, wie sie zu Beginn scheint, ist sie nämlich gar nicht – sie hat es nur selbst noch nicht erkannt.

Es ist erstaunlich, dass Isabel Abedi es dann auch noch schafft, eine Art Coming-of-Age-Geschichte mit einfließen zu lassen und dem Roman damit doch nicht zu viel zuzumuten – es passiert mir nicht oft, dass ich all diese Elemente in einem Roman ertragen kann, ohne mich erschlagen zu fühlen.

In gewisser Weise ist es aber dann eigentlich auch nur ein Reiseroman – in mehrfacher Hinsicht. Und in jeglicher Hinsicht ein gelungener Roman und ein reines Lesevergnügen.

„I’ve seen angels fall from blinding heights
But you yourself are nothing so divine
Just next in line“
(Chris Cornell – You know my Name)

P.S.: Wenn ihr auf den jeweiligen zitierten Song klickt, kommt ihr zum einzelnen Song auf Youtube. Darüber hinaus habe ich noch eine erweiterte Playlist erstellt.

Zu guter Letzt noch vielen lieben Dank an Daniela Kern und den Arena Verlag, dass ich bei dieser schönen Blogtour dabei sein durfte.

13 Kommentare

  1. Wow, was für ein toller Beitrag! Ich habe das auch häufiger, dass wenn ich dann im Anschluss ein Lied höre, denke: „Oh, diese Zeilen passen ja perfekt zur Geschichte!“ 😀
    Die Information mit dem Kuschelhasen Hannibal lese ich bei dir gerade das erste Mal haha Ich habe mich in Form einer Hausarbeit mal intensiver mit Das Schweigen der Lämmer auseinandergesetzt… Und der Name Hannibal für ein Kuscheltier ist nun wirklich ein biiischen verstörend haha 😀
    Viele Grüße
    Malin Jo

  2. Daniela Schiebeck

    April 8, 2016 at 12:44 pm

    Dankeschön für den interessanten Beitrag über deine „Gedankenreise“.

    Liebe Grüße,
    Daniela

  3. „Durch die Nacht“ von Silbermomd ist ein so schönes Lied 🙂 Das von Luxuslärm höre ich mir gleich mal an.
    Ich hab meistens beim lesen auch eine Playlist im Kopf. Das, oder ich stelle mir vor wie die ein oder andere Szene im Film dargestellt werden würde 😀
    Lg,
    Rabea

  4. Margareta Gebhardt

    April 10, 2016 at 10:44 am

    Hallo ,

    Vielen Dank für den interessanten und tollen Beitrag .
    Ich wünsche Dir einen schönen Tag.

    Liebe Grüße Margareta Gebhardt

  5. Danke für den schönen Beitrag. Ich schließe mich außerdem an, Hannibal als Name für einen Kuschelhasen ist wirklich mehr als verstörend 😀

  6. Ich bin garnicht los gekommen von deinem Artikel, Dankeschön! Nun weiß ich was als nächstes zu lesen dran ist. 😀

  7. Hallo,

    welch ein schöner Artikel, vielen Dank dafür!

    lg, Jutta

  8. Hallo,

    schöner Artikel 🙂

    LG
    SaBine

  9. Claudia Marina

    April 13, 2016 at 11:53 am

    Danke für die vielen lieben Kommentare. Es freut mich, dass euch mein Beitrag so gut gefällt. <3
    Claudia
    P.S.: Ich finde Hannibal übrigens gar nicht verstörend als Name für einen Kuschelhasen 😉

  10. Jutta (Rosen madl)

    April 14, 2016 at 5:29 pm

    Hallo 🙂

    ich habe auch Fernweh 🙂 Danke schön für den tollen Beitrag.

    Ganz liebe Grüße
    Jutta

  11. Das Lied von Silbermond erinnert mich an eine Liebe die nur kurze Zeit in einer Fernbeziehung stattfand und doch so intensiv war.
    Er machte mir damals eine CD mit Liebeslieder und dieses Lied hat mich damals immer zum weinen gebracht und noch lange zeit daran erinnert. 😀
    Folge auch bei FB unter Jenny Siebentaler

  12. Vielen Dank auch von mir für den stimmungsvollen Beitrag! Es ist total spannend, neben meinem Soundtrack jetzt auch ein paar Songs zu entdecken, die dir als Leserin der längsten Nacht im Ohr waren! Herzliche Grüße von Isabel Abedi

  13. Hallo und vielen Dank für diesen schönen Post zur Blogtour! Mein Neugier auf das Buch wurde auf jeden Fall noch verstärkt.

    Viele liebe Grüße
    Katja

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