Bücher, Mond und Sterne

Du öffnest ein Buch - und Dir öffnet sich das Universum

*Gelesen* Thea Dorn – Die Unglückseligen

22Als ich anfing, Thea Dorns Roman zu lesen, kam mir schon nach wenigen Seiten folgendes in den Sinn: “Wäre dieses Buch ein Kleid, wäre es Haute Couture.” Schon auf den ersten Seiten war ich von ihrer Sprache, dieser so ungewöhnlichen Mischung aus den beiden Erzählerstimmen in einen merkwürdigen Bann gezogen, aus dem ich mich kaum noch entwinden konnte.

Die Geschichte liest sich erst mal etwas abstrus. Denn wenn eine deutsche Wissenschaftlerin auf einen über 200 Jahre alten Ritter trifft und das Ganze vom Tod kommentiert wird, dann klingt das entweder nach totalem Bullshit – oder nach einem einmaligen Leseerlebnis. Für mich war es Letzteres.

Johanna Mawet, Wissenschaftlerin – genauer gesagt, Molekularbiologin –  durch und durch, hat nur ein einziges Forschungsziel – sie will die Sterblichkeit abschaffen. An diesem Ziel forscht die Molekularbiologin seit Jahren mit eiserner Verbissenheit. Bei einem Forschungsaufenthalt in den USA trifft sie auf einen merkwürdigen Mann, ziemlich abgewetzt, gleichzeitig jung und alt wirkend, der nicht nur seltsam spricht, sondern sie außerdem für den Teufel hält. Als die beiden sich näher kennenlernen, offenbart er ihr, dass er aus Deutschland stammt, Johann Wilhelm Ritter heißt, Physiker ist – und 1776 in Schlesien geboren wurde. Damit wäre er über 200 Jahre alt – und vielleicht der Schlüssel zu Johannas Forschungen.

Thea Dorn lässt zwei Welten aufeinander prallen – die der modernen Wissenschaftlerin und die des Physikers aus dem 18. Jahrhundert. Abwechselnd lässt sie beide aus der jeweiligen Sicht erzählen, was sich sehr eindrucksvoll im Sprachstil ausdrückt. Ritters Sprache wirkt dabei nicht nur antiquiert, sondern ebenso authentisch, sowohl in Ausdrucksweise als auch in Weltsicht. Für Johanna hingegen wählt sie eine moderne Sprache, voller Ausdrücke aus den Bereichen Genetik und Wissenschaft. Einen größeren Kontrast könnte die Autorin so nicht schaffen. Einfaches Nebenbeilesen ist hier nicht angezeigt, ich muss ständig wach im Kopf bleiben, mal in Johannas und dann wieder in Ritters Kopf springen, ständig zwischen den beiden Perspektiven hin und her wechseln.

(Wahrscheinlich habe ich deshalb auch verhältnismäßig lange gebraucht, um Die Unglückseligen zu beenden – einen ganzen Monat nämlich. Ich musste es immer wieder beiseitelegen und sacken lassen. Auch nachdem ich es beendet hatte.)

Dazwischen wird das Ganze immer wieder kommentiert – ich vermute mal, vom Tod selbst, auch wenn sich der Erzähler nie namentlich vorstellt, aber wer sonst sollte sich trauen, solch eine Geschichte so kompromisslos zu kommentieren, so distanz- und respektlos.

Letztendlich geht es aber um einen viel tieferen Konflikt als den zwischen Johanna und Ritter. Ist Unsterblichkeit erstrebenswert? Johanna mag das vielleicht ohne mit der Wimper zu zucken mit Ja beantworten, aber für Ritter steckt mehr dahinter, als bloß ewiges Leben. Er hat mittlerweile alle seine Freunde und Familie verloren, er sieht sich immer wieder mit dem Verlust seiner Liebsten konfrontiert und ist schlicht und einfach lebensmüde. Aber er kann nicht sterben.

Im Grunde genommen sind Johanna und Ritter aber trotz aller augenscheinlicher Unterschiede gar nicht mehr so verschieden, wenn man zum Kern ihrer Persönlichkeiten vordringt. Wenn man alles Lagen aus Selbstschutz und eigenbrötlerischem Getue, aus Workaholictum und Kostümierung langsam entfernt, dann kommen zwei Menschen zum Vorschein, die sich ziemlich ähnlich sind. Beide sind einsam. Vom Leben gezeichnet. Getriebene. Und dann ist es gar nicht mehr so erstaunlich, dass sich die beiden zusammentun und immer mehr zueinander finden.

Thea Dorn hat einen sprachlich anspruchsvollen und außergewöhnlichen Roman geschrieben, in dem sie zwei Welten in Hochgeschwindigkeit aufeinander prallen lässt. Es kommt, wie es kommen muss, zur Kollision – mit allen Verletzungen und Kollateralschäden, die so ein Aufprall eben mit sich bringt. Mich als Leser eingeschlossen – ich bin und bleibe schwer beeindruckt.

Mein erster Eindruck blieb bis zum Schluss bestehen. Haute Couture – auf den ersten Blick meist völlig konfus nicht zueinander passend, nicht immer leicht zu begreifen – aber letztendlich hohe Kunst.


Verlag: Knaus
Erschienen am 26. Februar 2016
Genre: Zeitgenössische Literatur
560 Seiten
Format: Hardcover
ISBN-13: 978-3-8135-0598-6

*Gelesen* Tracy Rees – Die Reise der Amy Snow

21Bekanntlich beginnt ja jede Reise mit dem ersten Schritt. Im Fall von Amy Snow ist der Beginn ihrer Reise ein wenig komplizierter. Als Baby in einer Schneewehe ausgesetzt (daher auch ihr Nachname, Snow) wird sie von der 10-jährigen Aurelia gefunden und darf im Herrenhaus Hartville Court aufwachsen. Also, natürlich nicht wirklich im Haus selbst; in der Küche richtet man ihr einen Platz ein, denn ein Findelbaby ist unter dem Niveau von Aurelias reichen Eltern.

Zu ihrem Glück entwickelt sich zwischen ihr und Aurelia jedoch eine tiefe Freundschaft, die ihr ermöglicht, in Hartville Court zu bleiben. Dort ist sie zwar nur geduldet und wird von Aurelias Mutter bei jeder Gelegenheit gequält, aber ihre Liebe zu Aurelia lässt sie all dies immer wieder vergessen.

Als Aurelia viel zu früh stirbt, muss Amy das Haus verlassen. Jedoch nicht, ohne von ihrer Freundin auf eine Reise geschickt zu werden, eine Reise voller Rätsel und Puzzle, an dessen Ende Amy das größte Geheimnis in Aurelias Leben erfahren soll.

Auf den ersten Blick (auf den Klappentext) scheint es so, als würde Die Reise der Amy Snow nur so mit Klischees um sich werfen. Ein armes Findelkind (ohne eine Spur zu möglichen Eltern), ein reiches Mädchen (ein wenig älter, damit sie auch klar über dem Findelkind stehen kann), eine böse Mutter, die das arme Mädchen quält, wo immer es geht. Und dann ist diese Amy Snow auch noch so unglaublich devot und wirkt eher wie Aurelias Spielzeug, als ihre Freundin, mehr wie ein Haustier, das sie sich zu ihrer Unterhaltung hält und das sie nach ihren Vorstellungen formen kann. Auch Aurelias früher Tod – an Herzschwäche, was auch sonst – passt da perfekt hinein, ebenso wie die Tatsache, dass Amy nach Aurelias Tod sofort vom Hof gejagt wird, wie ein Hund, den keiner mehr haben will.

Doch dann ändert sich der Roman. Aus einer historischen Arme-Mädchen-Story wird eine Abenteuergeschichte, eine Art Schnitzeljagd, denn Aurelia hat Amy neben einem Umschlag mit Geld auch einen Brief hinterlassen, ein Rätsel, das sie nach London führt – um dort den nächsten Hinweis auf Aurelias Geheimnis zu finden. Amy weiß zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht, wohin sie ihre Reise führen wird – und auch ich kann nur spekulieren und rätseln – aber sie lässt sich auf das Abenteuer ein. Okay, ihr bleibt ja auch nichts anderes übrig, außer sich zu prostituieren, aber trotzdem finde ich das ziemlich mutig von ihr.

Durch diese Wendung kommt Spannung in den Roman, Amy ist nicht mehr das arme kleine Mädchen, sie muss auf eigenen Füßen stehen und versuchen, alleine zurecht zu kommen. Sie folgt einem Hinweis nach dem anderen, zweifelt zwischendurch an der Richtigkeit ihrer Reise, lernt Männer kennen, findet neue Freunde und bemerkt, dass es eine Welt gibt, in der man sie mag.

Genau diese Reise, dieses eine Wort – Schnitzeljagd – das mir beim Lesen des Klappentextes sofort in den Sinn kam, war es jedoch, was mich so neugierig gemacht hat, den Roman trotzdem zu lesen, trotz aller Klischees, die sich nicht leugnen lassen. Und ich kann auch nicht leugnen, dass ich Amy und Aurelia zu Beginn der Geschichte noch nicht wirklich mochte – wahrscheinlich weil ich sie noch nicht richtig verstanden habe. Amy war da nur das devote kleine Mädchen und Aurelia das zwar leicht eigensinnige, aber dennoch verwöhnte reiche Gör. Auch ich musste eine Art Reise antreten, um die beiden wirklich zu verstehen und um hinter die Fassade blicken zu können. Und dann habe ich die beiden auch in mein Herz schließen können.

Die Reise der Amy Snow ist also mehr als ein Klischeeroman, es ist ein Reiseroman und ein Entwicklungsroman, mit einer (später) sympathischen Heldin, die sich vom Schoßhündchen zur eigenständigen Frau entwickelt. Und das Ganz noch vor historischer Kulisse – was will man da mehr?

Für mich ist Tracy Rees Roman ein echter Überraschungserfolg, der mich mitgenommen hat auf eine spannende Reise, der mich hat rätseln und spekulieren lassen, mitfühlen lassen mit Amy und Aurelia  – auch wenn es am Ende dann wieder ein wenig zu kitschig für meinen Geschmack wurde. (Wirklich nur ein wenig, eigentlich fand ich es auch schön. So fürs Herz.)


Amy Snow
Aus dem Englischen von Elfriede Peschel
Verlag: List
Erschienen am 14. März 2016
Genre: Historischer Roman
480 Seiten
Format: Broschiert
ISBN-13: 978-3-471-35136-9

*Blogtour* Isabel Abedi – Die längste Nacht [#Tag 8]

Eine Blogtour ist immer wieder spannend für mich. Meistens ist es eine reine Herzensentscheidung. Sagt mir das Buch zu, könnte es mir gefallen? Wenn ja, bin ich gerne dabei. Und dann fangen die Überlegungen an. Was mache ich? Eine einfache Rezension? Nein, zu banal. Aber etwas von meinem Leseindruck möchte ich schon hinterlassen.

Mir geht es oft so, dass ich beim Lesen plötzlich bestimmte Lieder im Kopf habe. Entweder sind es nur kurze Zeilen aus dem Text, oder ganze Lieder – sei es, weil sie gerade im Radio laufen und mir auffällt, dass sie perfekt passen, oder weil sie mir spontan in den Kopf kommen. Meistens bemerke ich dann erst später, dass eine bestimmte Zeile genau passend für die Story oder ein Gefühl im Buch ist. Bei Isabel Abedis Buch hatte ich sofort das Lied von Silbermond “Durch die Nacht” im Kopf – aber das war wohl eher eine Assoziation zum Buchtitel.

Aber dadurch entstand die Idee, meine Rezension mit einer Art Playlist zu verbinden, die mir beim Lesen durch den Kopf gingen.

978-3-401-06189-4” Ich hab Fernweh nach der Welt
und muss jetzt weiter zieh’n
und ich weiß du kennst das Ziel.”
(Luxuslärm – 1000 Kilometer bis zum Meer)

Das Abitur in der Tasche, will Vita nur eins – raus. Zusammen mit ihren besten Freunden Trixie und Danilo hat sie jahrelang auf diesen Traum hin gespart – und nun ist es endlich so weit. Mit einem alten VW-Bus machen sich die drei auf die Reise. Quer durch Europa. Nur leider hat Vita den Kopf nicht ganz so frei, wie es ihr lieb wäre. Ständig gehen ihre Gedanken zurück zum Tag vor ihrer Abfahrt, an dem sie einen Blick in ein Manuskript im Arbeitszimmer ihres Vaters geworfen hatte. Wenige Sätze haben ausgereicht, der Name einer Stadt – Viagello – um sie aus der Bahn zu werfen. Viagello, dieser Name hat eine eigentümliche Anziehungskraft auf sie, die sie sich nicht erklären kann.

“Just like a moth drawn to a flame
Oh, you lured me in, I couldn’t sense the pain”
(Shawn Mendes – Stitches)

Wie durch Zufall – oder ist es eher Fügung? – erreichen die drei eben diese kleine Stadt in Italien. Wo Vita Luca, der Seiltänzer, fast vor die Füße fällt. Die beiden fühlen sich vom ersten Moment an zueinander hingezogen und so kommt es, dass Luca Vita und ihre Freunde auf seinem Grundstück campen lässt. Dann lernt Vita Lucas Familie kennen – und plötzlich ist alles anders. Lucas Eltern kennen Vita, und ihre Familie nur zu gut, doch sie wollen nicht so recht mit der Sprache rausrücken. Es muss etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun haben – und mit ihrer verstorbenen Schwester Livia, an die sich selbst kaum noch erinnern kann. Vita muss weg, sie kann nicht dort bleiben, wo man ihr mit so viel Hass begegnet.

“Ich will weg von hier!
Doch es scheint egal wohin ich lauf,
das mit Dir hört nicht auf,
sag mir wann hört das auf!”
(Silbermond – Durch die Nacht)

Vita findet sich in einer Zwickmühle wieder. Einerseits will sie so schnell wie möglich weg von all den merkwürdigen Erinnerungsfetzen, die in ihr aufkommen. Andererseits will sie die Wahrheit wissen; wissen, was mit ihrer Schwester damals passiert ist. Und sie will Luca nicht verlassen. Und auch Luca ist davon überzeugt, dass man ihnen etwas verschweigt. Etwas, dass mit ihrer aller Vergangenheit zu tun hat.

Was mich an Isabel Abedis Roman sofort in den Bann gezogen hat, war ihre Art zu schreiben. Vita will uns ihre Geschichte erzählen und das tut sie dann auch. Ich bin sofort bei ihr und will wissen, was sie zu erzählen hat. Was hat sie auf ihrer Reise nach Italien über ihre Schwester erfahren? Damit hat sie mich sofort – und sie wird mich auch nicht wieder los auf dieser Reise. Dabei ist es überhaupt nicht schlimm, dass die eigentliche Reise mit dem VW-Bus nicht sehr viel Platz einnimmt, denn die Reise, die wirklich wichtig ist, ist die Reise in die Vergangenheit.

“Once upon a different life
We rode our bikes into the sky
But now we crawl against the time
Those distant days are flashing by”
(James Bay – Hold back the River)

Daher ist es auch nur logisch, dass sich ein Großteil der Handlung in Viagello abspielt. Und dass alles darauf hinausläuft zu erfahren, was in jener Nacht passiert ist, als Vitas Schwester starb. Bis dahin pendelt Die längste Nacht angenehm zwischen Krimi und Lovestory hin und her, ohne dabei Vitas Entwicklung von einem verunsicherten Mädchen zu einer selbstsicheren jungen Frau aus den Augen zu lassen.

Vita, die jüngste der kleinen Reisegruppe, die ohne Führerschein, erscheint am Anfang eher wie ein Anhängsel von Trixie und Danilo, wie das fünfte Rad am Wagen, bevor sie sich in den Vordergrund spielen kann. Und auch dann scheint sie sich eher schuldig zu fühlen, dass sich von nun an alles um sie zu drehen scheint. Vita, die mit der scheinbar lieblosen Mutter und dem übermächtigen Vater, mit der verstorbenen Schwester, über die niemand mit ihr reden möchte. Die nicht genau weiß, was sie nach dem Abitur mit ihrem Leben anfangen möchte. Vita, die sich nachts am liebsten an ihren Kuschelhasen Hannibal klammert. Und dann auch Vita, die nicht locker lässt, um endlich die Wahrheit über den Tod ihrer Schwester zu erfahren. So schwach, wie sie zu Beginn scheint, ist sie nämlich gar nicht – sie hat es nur selbst noch nicht erkannt.

Es ist erstaunlich, dass Isabel Abedi es dann auch noch schafft, eine Art Coming-of-Age-Geschichte mit einfließen zu lassen und dem Roman damit doch nicht zu viel zuzumuten – es passiert mir nicht oft, dass ich all diese Elemente in einem Roman ertragen kann, ohne mich erschlagen zu fühlen.

In gewisser Weise ist es aber dann eigentlich auch nur ein Reiseroman – in mehrfacher Hinsicht. Und in jeglicher Hinsicht ein gelungener Roman und ein reines Lesevergnügen.

“I’ve seen angels fall from blinding heights
But you yourself are nothing so divine
Just next in line”
(Chris Cornell – You know my Name)

P.S.: Wenn ihr auf den jeweiligen zitierten Song klickt, kommt ihr zum einzelnen Song auf Youtube. Darüber hinaus habe ich noch eine erweiterte Playlist erstellt.

Zu guter Letzt noch vielen lieben Dank an Daniela Kern und den Arena Verlag, dass ich bei dieser schönen Blogtour dabei sein durfte.

*Blogtour* Isabel Abedi – Die längste Nacht

2016-04_Blogtour_Abedi

Heute startet sie – kein Scherz! – die große Blogtour zu Isabel Abedis neuem Roman Die längste Nacht. Mein Blog ist am 8. April, also in genau einer Woche an der Reihe. Mit was genau? Lasst euch überraschen.

Und darum geht es in Isabel Abedis neuem Roman:

“Es sind nur ein paar Sätze in einem noch unveröffentlichten Manuskript, das Vita im Arbeitszimmer ihres Vaters findet – aber etwas an ihnen verzaubert und verstört die Siebzehnjährige gleichzeitig. Wenig später bricht sie mit ihren Freunden zu einer Fahrt quer durch Europa auf und stößt in Italien durch Zufall auf den Schauplatz des Manuskripts: Viagello, ein malerisches kleines Dorf. Der Ort strahlt für Vita eine merkwürdige Anziehungskraft aus, die noch stärker wird, als ihr der Seiltänzer Luca buchstäblich vor die Füße fällt. Auf den ersten Blick ist Luca für Vita etwas Besonderes, doch etwas an ihm und seiner Familie kann sie nicht fassen. Noch ahnt sie nicht, dass er sie auf eine Reise tief in ihre Erinnerungen führen wird, an deren Ende etwas steht, was einst in Viagello geschah – in jener längsten Nacht …”

Für mehr Infos geht’s hier zur Verlagsseite.

*Gelesen* T. R. Richmond – Wer war Alice

20Wer war sie, diese Alice Salmon? Studentin. Journalistin. Tochter. Freundin. Geliebte. Tagebuchschreiberin. 25-jährige Wasserleiche. All das war Alice.

War. Denn der Roman beginnt mit ihrem Tod am 4. Februar 2012. Alice Leiche wird am Morgen des 5. Februar zufällig im Fluss treibend entdeckt – und löst damit eine ganze Welle an Spekulationen aus.

War es ein Unfall? Immerhin war Alice am Abend in mehreren Kneipen und nicht mehr ganz nüchtern – um nicht zu sagen, stockbesoffen. Da kann es doch leicht passieren, dass man ausrutscht und in den Fluss fällt, sich nicht mehr ans Ufer retten kann, unterkühlt und schon ist es aus und vorbei.

Oder war es Selbstmord? Besonders stabil war Alice noch nie, sie hat sich in ihrer Jugend selbst verletzt und war dem Kokain nicht abgeneigt. Sie galt als impulsiv und ich-bezogen, hatte sich gerade von ihrem Freund Luke getrennt. Man könnte sie durchaus auch als depressiv bezeichnen – also, was liegt näher, als dass sie selbst gesprungen ist, weil sie das alles nicht mehr ertragen hat?

Eventuell – und das ist die furchtbarste aller Vermutungen – war es aber auch Mord. Mit ihrer Arbeit als Journalistin hat sich Alice nicht nur Freunde gemacht, es gab Menschen, die sie deswegen bedroht haben. Von denen könnte ihr am Abend einer aufgelauert haben – sie war nicht besonders vorsichtig mit ihren privaten Informationen in sozialen Netzwerken. Oder nehmen wir ihren Freund Luke. Sie hat ihn verlassen und unerfüllte Liebe war schon immer ein beliebtes Mordmotiv. Ganz oben auf der Liste steht dann natürlich auch Professor Jeremy Cooke, der seit ihrer ersten Begegnung ganz besessen von Alice war – und das nicht nur, weil er mal eine Affäre mit ihrer Mutter hatte.

Die Wahrheit wird – natürlich – erst am Ende aufgedeckt. Und sie ist schockierend.

T. R. Richmonds Roman ist ungewöhnlich, denn im Grunde genommen passt die Bezeichnung “Roman” schon gar nicht. Für mich gehört zu einem Roman im klassischen Sinne ein Erzähler, einer der von außen aufs Geschehen schaut und es kommentiert. Oder eben einer der Protagonisten, der uns durch seine Augen mit durch die Geschichte nimmt. Doch der fehlt hier. Stattdessen ist Wer war Alicevielmehr eine vielstimmige Collage aus Tagebucheinträgen, Briefen, Mails, Blogeinträgen, Chats und SMS.

Natürlich könnte man argumentieren, dass Alice in ihren Tagebucheinträgen, Megan in ihren Blogs, Prof. Cooke in seinen Briefen ja auch in gewisser Weise erzählen, aber sie erzählen eigentlich keine Geschichte. Sie bilden vielmehr ein Puzzle, aus dem nach und nach ein Bild von Alice und dem Geschehen in der Nacht vom 4. Februar entsteht.

Interessant ist dabei wie diese Ausschnitte meine Meinung und Sympathien als Leser lenken, und wie sie mein Bild von Alice beeinflussen. Leider lenken sie meine Sympathien ein wenig in die falsche Richtung und spielen sich dabei auch selbst ins Aus, denn von den Protagonisten, sei es Alice beste Freundin Megan, ihr Freund Luke, oder Professor Cooke, hat keiner meine Sympathien bzw. verliert sie im Laufe der Geschichte immer mehr. Und auch mit Alice als eigentlicher Hauptperson werde ich einfach nicht warm. Sie wird mir eher immer unsympathischer, je mehr ich das Puzzle um ihre Person zusammenlege.

Was also nun? Kein Roman im herkömmlichen Sinne, und auch keine Person, die mir sympathisch ist, keine Seite, auf die ich mich schlagen kann. Muss ich nun enttäuscht sein? Nein, muss ich nicht, denn T. R. Richmonds Roman ist trotzallem eine spannende Collage, die zeigt, wie sehr sich Sympathien lenken lassen in dem Versuch, das Bild einer Person zu zeichnen.

Ich habe einen Eindruck davon erhalten, wer Alice war – mögen muss ich sie ja deshalb nicht.


What She Left
Aus dem Englischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann
Verlag: Goldmann
Erschienen am 29. Februar 2016
Genre: Thriller
448 Seiten
Format: Paperback
ISBN-13: 978-3-442-20508-0

*Gelesen* Sarah Butler – Die Nacht brennt

19“Komm gib auf, komm gib auf, sagt mir mein Verstand
und ich schau aus grauen Augen stumm an die Wand.
Und ich suche den Raum ab doch find’ keine Tür,
‘n Weg nach draußen, noch schnell weg von hier.”
(Johannes Oerding – “Alles brennt”)

Málaga. Das zerfließt auf der Zunge wie Eiscreme. Das klingt nach Sonne, Strand und Meer. Nach Abenteuer und Freiheit. Nach nie wieder nach Hause zurückkehren. So stellen es sich Stick und sein bester Freund Mac jedenfalls vor. Sie wollen raus aus Manchester, raus aus ihrem Alltag, raus aus all dem Dreck und der Enge ihres bisherigen Lebens. Einfach nur weg, ins Auto setzen und ab nach Málaga.

Noch einmal wollen die beiden mit ihrer Clique feiern – wer weiß denn schon, wann und ob man sich wiedersieht? Am nächsten Morgen wacht Stick mit einem mächtigen Kater und Filmriss auf – und Mac ist tot. Erstochen.

Schnell findet man einen Verdächtigen, doch die Beweise reichen nicht aus, um ihn anzuklagen. Er wird wieder auf freien Fuß gesetzt.

Stick bleibt allein zurück. Mit seiner Wut und seiner Trauer. Auf diesen Mann, der seinen besten Freund erstochen hat. Auf seine Mutter, die ihr Leben nicht auf die Reihe kriegt. Auf seinen Vater, der immer nur kluge Ratschläge für ihn hat, aber davon kann er sich auch nichts kaufen. Er lässt niemanden an sich heran, weil ihn ja eh niemand verstehen kann. Weil niemand verstehen kann, wie wichtig ihm dieser gemeinsame Trip war. Wie sehr er sich wünscht, aus allem auszubrechen und sein Leben hinter sich zu lassen.

Dann tritt J in sein Leben, die verrückte, bunte, lebenshungrige J – und mit ihr kann er sich wenigstens wieder ein bisschen lebendig fühlen. Aber schafft sie es auch, die Lücke in seinem Herzen zu füllen?

Wut und Trauer, Verlust und Angst, die erste Liebe, das Abnabeln von der Familie – all diese Themen versucht Sarah Butler in ihrem Roman zu verpacken.

Damit trifft sie mitten ins Herz. Sie schafft es, Sticks Wut genau wie seine innere Zerrissenheit so darzustellen, dass sie greifbar werden. Sie lodert unter der Oberfläche, schwelt und will hinaus. Stick kann seine Wut nur mit Mühe und Not zurückhalten. Vor dem Hintergrund der Londoner Unruhen 2011, die auch scheinbar unaufhaltsam auf Manchester zurollen, wird deutlich, dass sich Stick in eine für ihn gefährliche Richtung entwickelt. Man spürt, dass er genau der Typ ist, der sich daran beteiligen könnte. Der genau diese Situation nutzt, um ein Ventil für seine Wut zu finden.

Und man möchte ihn dabei einfach nur in den Arm nehmen und sagen, dass alles wieder gut wird und ihn schütteln, damit er sein Leben auf die Reihe bekommt und nicht in seinem Elend versinkt. Diese beiden Emotionen löst Die Nacht brennt in mir aus. Tiefes Mitgefühl für Sticks Verlust und seine Wut, die auch Wut in mir auslöst , darüber, dass niemand ihn zu verstehen scheint und jeder mit einem Rat um die Ecke kommt und meint, er wisse, was das Beste für ihn sei (Mal ehrlich, haben wir das nicht früher alle gehasst wie die Pest?) Gleichzeitig aber auch Unverständnis darüber, dass er so viele gutgemeinte Ratschläge ohne mit der Wimper zu zucken in den Wind schießt (Sooo schlecht sind die ja auch nicht und sie meinen es doch nur gut mit ihm und machen sich Sorgen.)

Sarah Butler schafft es, ein wahres Gefühlschaos in mir auszulösen mit ihrem Roman, der so dicht und doch so klar ist und es schafft, so viele Themen in sich zu vereinen. Das Beste, was sie schafft, ist jedoch, dass sie mir gleich einen Soundtrack zu ihrem Buch mitgibt. Ein Lied, dass mir beim Lesen nicht mehr aus dem Kopf ging, und dessen Text so perfekt zu Stick passt, als hätte er selbst es geschrieben. (Hat er natürlich nicht. Es war Johannes Oerding, und das Lied heißt passenderweise “Alles brennt”)

 


Before the Fire
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Verlag: Droemer
Erschienen am 1. März 2016
Genre: Jugendliteratur
288 Seiten
Format: Paperback
ISBN-13: 978-3-426-30444-0

Vielen Dank an den Droemer-Verlag, der mir Die Nacht brennt zur Verfügung gestellt hat.

*Gelesen* Daniel Woodrell – In Almas Augen

18Im Sommer 1929 ereignet sich in einer Kleinstadt in Missouri ein schreckliches Unglück. Eine Explosion auf einer Tanzveranstaltung reißt 42 Menschen in den Tod – darunter auch Almas Schwester Ruby. Nach Rubys Tod ist Alma schwer traumatisiert, lässt sich immer mehr gehen und wird als letzte Konsequenz sogar zwangseingewiesen, zudem die wahren Ursachen nie ans Licht kamen. Wirklich erholen wird sie sich nie mehr.

40 Jahre nach der Tragödie will sie nicht länger schweigen. Sie erzählt ihrem Enkel Alek, dem Erzähler des Romans, was wirklich passiert ist. In dieser Nacht. Mit Ruby.

Im Grunde genommen geht es in Daniel Woodrells Roman weniger um die tragische Unglücksnacht als um die Wochen davor und die Jahre danach. Es geht mehr darum, was passiert, wenn man Geheimnisse lüftet, die besser ungelüftet geblieben wären. Was passiert, wenn man die falschen Fragen stellt und die nach den falschen Antworten sucht. Alma hat das getan und muss nun immer noch mit den Konsequenzen leben.

In einer Kleinstadt als Außenseiter zu gelten ist hart. Das erzählt In Almas Augen. Wie es ist, in Armut zu leben, seinen Kindern noch nicht einmal eine warme Mahlzeit bieten zu können, während die Familie, in der Alma als Haushälterin arbeitet, es nicht zu schätzen weiß. Daniel Woodrell beschreibt eine harte Welt, in der jeder Tag hartes Überleben ist und nichts an Südstaatenromantik aus Vom Winde verweht erinnert.

Sprachlich erzählt Daniel Woodrell auf ganz hohem Niveau. Schnörkellos und direkt. Ungeschönt und brutal. Ich mag diese Art zu erzählen, die so pur ist. Vermutlich wird In Almas Augen deshalb auch nicht mein letztes Buch von ihm sein. Und trotzdem kann ich mit der Geschichte an sich nicht viel anfangen. Ich habe immer noch das Gefühl, etwas grundlegendes verpasst zu haben, wichtige Informationen überlesen zu haben. War da am Ende wirklich eine Aufklärung?

Alma bleibt mir als Charakter fremd. Ich kann ihre Trauer und ihren Verfall nicht verstehen, geschweige denn nachvollziehen. Ihre Welt ist mir fremd. Es ist, als würde ich sie von außen durch ein Fenster beobachten, ohne sie hören zu können. Leider gelingt auch die Verbindung in die Gegenwart mit ihrem Enkel Alek nicht wirklich, er ist nur verschwommen gezeichnet und kaum als eigenständige Person für mich wahrnehmbar.

Am Ende bleibt ein zwiegespaltenes Lesegefühl. Das Gefühl, ein Stück großartiger Literatur in Händen zu halten, Sprachkunst vom Feinsten. Und das Gefühl, etwas entscheidendes verpasst zu haben.

P.S.: Und warum stand dieser Roman auf der KrimiZeit-Bestenliste, wenn es doch gar kein Krimi ist? Mal ehrlich, weniger Krimi geht eigentlich kaum. Nur, weil ein Verbrechen geschieht, ist ein Roman noch lange kein Krimi. Ich muss aber auch nicht alles verstehen.


The Maid’s Version
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Verlag: Heyne
Erschienen am 13. Juli 2015
Genre: Gegenwartsliteratur
Format: Paperback
192 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-43791-3

*Gelesen* John Green – Das Schicksal ist ein mieser Verräter

17Wenn ein Kind oder Jugendlicher unheilbar an Krebs erkrankt ist, ist das immer eine traurige Angelegenheit. Eine tieftraurige Angelegenheit. So traurig und fürchterlich, dass man kaum Worte dafür finden kann. Es wird sterben, über kurz oder lang. Umso bemerkenswerter ist es, dass John Green sie trotzdem gefunden hat. Die Worte, und noch dazu die richtigen. Die, die mitten ins Herz treffen, einen weinen und lachen lassen – und das manchmal beides zugleich.

Hazel Grace und Augustus lernen sich rein zufällig in einer Selbsthilfegruppe für krebskranke Jugendliche kennen. Sie: Ursprünglich Schilddrüse, aber mit hartnäckigen Metastasen in der Lunge. Prognose: Schlecht bis ganz schlecht. Er: Osteosarkom. Ausgeheilt. Und eigentlich begleitet er auch nur seinen Freund Isaac (Augenkrebs. Steht kurz vor der Entnahme des zweiten Auges und damit vor dem Blindsein).

Es ist ganz und gar nicht untertrieben, wenn ich sage, dass Hazel und Augustus füreinander geschaffen zu sein scheinen. Auch wenn vor allem Hazel das nicht zulassen will. Wie soll sie sich verlieben, wenn sie nicht weiß, ob sie das nächste Weihnachtsfest noch erleben wird? Wie kann sie es verantworten eventuell ein Herz zu brechen? Und wie knutscht man überhaupt, wenn man ständig auf ein Sauerstoffgerät angewiesen ist?

Sie tut es dennoch. Und darauf folgt wohl eine der schönsten und bittersüßesten Liebesgeschichten, die ich kenne. Und für die mir noch immer die Worte fehlen, um sie angemessen zu beschreiben.

Hazel und Augustus sind ganz besondere Charaktere. Sie sind keine typischen Teenager, die Krankheit hat sie reifer und erwachsener gemacht, als vielleicht gut für sie wäre. Sie erlauben sich Spleens und kümmern sich nicht darum, was andere von ihnen denken – besonders Hazel ist eine Individualistin, wie man sie selten in Jugendromanen findet. Sie hat eine bemerkenswerte Art gefunden, mit ihrer Krankheit umzugehen. Sie romantisiert sie nicht und Krebsbücher findet sie ohnehin scheiße. Einerseits ist das sehr realistisch und erwachsen, andererseits wirkt es teilweise auch sehr distanziert und abgestumpft. Will dieses junge Mädchen denn nicht mit aller Macht ums Überleben kämpfen? Oder sehe ich nur nicht, wie sie es jeden Tag ohnehin schon tut, auf ihre Art eben, auf eine Art, mit der sie das Leben jeden Tag aufs neue zu genießen versucht.

Obwohl es ein todtrauriges Thema ist, versteht es John Green immer genau die richtigen Worte zu finden. Er drückt nicht künstlich auf die Tränendrüse, seine Beschreibungen betteln nicht um Mitleid – denn seine Hauptfiguren tun es auch nicht. Er erlaubt uns, trotz allem zu schmunzeln und auch zu lachen, denn Hazel und Augustus tun es ja auch. Er schenkt ihnen und uns Momente voller Leichtigkeit. Er packt Hazel und Augustus nicht in Watte, er mutet ihnen Enttäuschungen zu, die man ihnen in ihrer Situation vielleicht hätte ersparen können. Er macht den Krebs zu einem Nebendarsteller.

Und trotzdem schwingt bei allem immer ein Hauch von Traurigkeit mit. Es ist wie der letzte schöne Tag im Sommer, von dem man weiß, dass er irgendwann vorbei sein wird, und den man trotzdem genießen kann und will. Den man genießen MUSS.

Ich denke, ich verrate auch nicht zu viel, wenn ich sage, dass Das Schicksal ist ein mieser Verräter kein Happy End hat. Wie hätte es auch eins haben können? Trotz aller Traurigkeit, die auf den letzten Seiten klebt, hätte ich mir kein anderes Ende vorstellen können. Ich glaube, ich habe ein neues Lieblingsbuch.


The Fault in Our Stars
Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
Verlag: dtv
Erschienen am 1. Mai 2014
Genre: Jugendliteratur
Format: Paperback
336 Seiten
ISBN-13: 978-3423625838

*Wochensterne des Büchermondes* [#Februar]

Und schon wieder ist es der letzte Sonntag im Monat – der Februar ging viel zu schnell vorbei. Viel Lesezeit hatte ich dabei gefühlt auch nicht. Unter meinen gelesenen Büchern gab es dann auch nur ein einziges Highlight – Das Schicksal ist ein mieser Verrräter von John Green könnte es tatsächlich schaffen zu einem meiner Lieblingsherzensbücher zu werden. (Die Rezension folgt in den nächsten Tagen/Wochen.) Ansonten war da eher Schatten als Licht. Zu The Widow habe ich meine Rezension ja hier schon veröffentlicht – da war der Hype wohl zu groß, aber trotzdem war es ein lesbares Buch. Nur eben nicht so spannend wie erhofft.

Die anderen beiden gelesenen Thriller waren da leider auch nicht besser – eher noch enttäüschender. Aber lest selbst.

NebelspielNebelspiel by Sheila Bugler
My rating: 3 of 5 stars

Ein Kind wird entführt. Mitten in London. Und niemand hat etwas gesehen. Es gibt keine Verdächtigen, keine Anrufe, keine Spur – nur die Gewissheit, dass die Zeit für die 10-jährige Jodie Hudson langsam abläuft, denn ihr Fall ähnelt dem der kleinen Molly York, die drei Jahre zuvor auf ähnliche Weise entführt – und ermordet – wurde.

Detective Inspector Ellen Kelly wird auf den Fall angesetzt. Obwohl sie noch immer den Tod ihres Ehemannes nicht ganz verkraftet hat stürzt sie sich in den Fall – denn sie will auf jeden Fall verhindern, dass sich das Schicksal der kleinen Molly York wiederholt.

Solide. Nicht mehr und nicht weniger. Und das in allen Kategorien. Vom Stil her leicht und flüssig zu lesen, aber auch nicht überragend. Die Charaktere sind weder übermäßig sympathisch noch unsympathisch, bleiben so aber auch nicht lange im Gedächtnis haften. Die Story an sich hat man so oder gerigfügig anders auch schon mal gelesen und die Spannung – die ist eben ganz solide aufgebaut.

Es gibt mehrere Verdächtige, die sich ebenso verdächtig verhalten, es gibt den Ansatz einer Lovestory, eine Familienkrise, die Wendung zum Schluss hin – eben alles was in einen soliden Thriller hineingehört. All das macht es aber nur solide und leider nicht überragend.

Zudem hatte ich immer wieder das Gefühl, eine Vorgeschichte verpasst zu haben und nicht den ersten Band einer Reihe zu lesen – ist es aber, ich habe mehrmals gegoggelt. Zu oft wurde auf Ereignisse in der Vergangenheit verwiesen, die wichtig für Ellens Gegenwart und die Geschichte an sich sind.

Unterm Strich hat mich Nebelspiel nicht vom Hocker gerissen, aber auch nicht total enttäuscht. Mittelmaß eben. (Und ist das nicht die große Schwester von scheiße?)



Und draußen stirbt ein VogelUnd draußen stirbt ein Vogel by Sabine Thiesler
My rating: 3 of 5 stars

Rina Kramer hat alles, um glücklich zu sein. Erfolg als Schriftstellerin, Mann und Kind, ein Haus in der Toskana. Und dann hat sie da noch Manuel. Einen Stalker.

Manuel ist besessen von Rina Kramer. Er kennt alle ihre Bücher auswendig. Er reist ihr zu ihren Lesungen nach. Er findet sogar ihr Haus in der Toskana. Und nistet sich bei ihr ein, getarnt als einfacher Urlauber in ihrem Ferienhaus. Dabei hat er nur ein im Sinn – er will Rina Kramer vernichten, denn er lebt in der festen Überzeugung, dass sie sein Leben zerstört, seine Gedanken und Ideen gestohlen hat.

Er will ihr ganz nah sein – und Rina hat keine Ahnung, in was für einer Gefahr sie sich befindet.

Sabine Thiesler entführt uns – wie schon in mehreren Romanen zuvor – in die wunderschöne Toskana. Nur dass die bei Sabine Thiesler eben nicht ganz so schön ist. Eher ziemlich abgründig und gruselig. Und leider wird das nach dem vierten gelesenen Sabine Thiesler – Roman auch allmählich langweilig. Es sind immer dieselben halb verfallenen Häuser, die schönen Villen auf dem Hügel, die urigen kleinen Dörfer, in denen das Grauen hinter verschlossenen Türen lauert.

In diesem Fall kommt das Grauen zwar von außen in Gestalt des Stalkers Manuel, doch auch hierin ist wenig Neues enthalten. Die Episoden, in denen Manuel Rina nachstellt, sind zwar handwerklich gut gemacht und spannend geschrieben, aber eben nicht wirklich innovativ. Einziger Lichtblick sind da die Szenen, die in Manuels Vergangenheit führen – und die Szenen um Pater Johannes und Rinas Sohn Fabian. (Meiner Meinung nach hätte man diesen Handlungsstrang noch ausbauen können. Auch wenn das mit dem pädophilen Priester/Priester unter Pädophilie-Verdacht auch ziemlich abgelutscht ist.)

Besonders merkwürdig finde ich, dass mir im Nachhinein Manuel als Charakter sympathischer ist als Rina – was ich nicht genau erklären kann, aber ich glaube, es liegt daran, dass seine Person vielschichtiger und interessanter ist als Rina. (Nein, damit will ich in keinster Weise Stalking rechtfertigen. Stalking ist ein abscheuliches Verbrechen und muss hart bestraft werden. Aber das hier ist ein Roman und in einem Roman kann mir der Stalker auch mal sympathischer sein als das Stalking-Opfer.)

Unterm Strich fand ich Und draußen stirbt ein Vogel recht spannend, gut geschrieben und durchaus lesenswert. Ein typischer Thriller für Zwischendurch. Mit einem etwas untypischen Sympathieträger. (Ja, doch, der ist auch echt gruselig und hat gewaltig einen an der Klatsche mit seiner Ratte und seinem Wahn und allem – aber er bleibt im Gedächtnis. Wer war nochmal Rina Kramer?)


Und jetzt gehe ich noch eine Runde lesen und genieße den Sonntag, bevor morgen um 5:15 wieder der Wecker klingelt.

*Gelesen* Fiona Barton – The Widow

16Es gibt Bücher, die werden schon im Vorfeld unwahrscheinlich gehypt. Girl on the Train war so eins – ich mochte es, aber den Hype habe ich nicht verstanden. The Widow von Fiona Barton soll nun also “2016’s The Girl on the Train” sein. Das weckt Erwartungen. Hohe Erwartungen. Im Grunde genommen viel zu hohe Erwartungen für so ein kleines Buch von 320 Seiten. Wie soll es dem gerecht werden? Es muss ein Bestseller werden, so viel steht fest. Ein Buch, dass man mindestens einmal am Tag in der Bahn sieht. Das einem von Kollegen empfohlen wird und dass in jeder Morgenmagazinfrühstückssendung in die Kamera gehalten wird. Eins, dass man unbedingt gelesen haben muss.

Und dann – dann hält man es selbst in Händen, im englischen Original, und schlägt erwartungsvoll die erste Seite auf. Beginnt zu lesen. Versinkt in der Geschichte.

Glen ist tot. Glen, der liebende Ehemann, für den seine Frau Jean scheinbar alles war, dass er im Leben brauchte. Um die er sich treusorgend, fast schon ein wenig zu kontrollierend gekümmert hat. Der keiner Fliege etwas zuleide tun könnte.

Glen, das Monster. Als vor vier Jahren die kleine Bella aus dem Vorgarten ihres Elternhauses verschwand, führte die Spur schnell zu Glen. Er war mit seinem Lieferwagen in der Nähe – und auf seinem Computer fand man Kinderpornos. Im Prozess wurde Glen zwar freigesprochen – man konnte ihm die Tat einfach nicht nachweisen – aber die Presse und Bellas Mutter hatten ihn da schon als Täter verurteilt. Glens und Jeans Leben ist nicht mehr das selbe – sie verlieren ihre Jobs, werden von Journalisten belagert und trauen sich kaum noch auf die Straße. Freunde wenden sich ab, sie sind die meistgehassten Menschen in ganz England. Ein ruiniertes Leben.

Als nach Glens Tod die Reporterin Kate an Jeans Tür klopft, sieht diese ihre Chance gekommen. Sie ist frei. Endlich kann sie ihre Version der Geschichte erzählen.

Klingt soweit doch ganz spannend, oder? Gut, nicht gerade innovativ. Auch nicht so neu und originell, dass es den Hype rechtfertigen würde. Aber spannend. Im Nachhinein bin ich mir allerdings nicht mehr sicher, ob ich The Widow das Attribut “spannend” verleihen würde. Intensiv – ja. Psychologisch interessant – das auch. Aber spannend? Eher nein.

Der Fokus liegt von Anfang an auf Glen als Täter. Das ändern auch die Perspektiv- und Zeitwechsel nicht. Auch wenn die den Roman erst lesenswert machen. Zu Wort kommen neben der Witwe – ich finde es dabei interessant, dass in der Kapitelüberschrift nicht die Namen der erzählenden Personen erwähnt werden – die Reporterin, der ermittelnde Kommissar, und später auch die Mutter der kleinen Bella und der Ehemann. Wie gesagt, das macht es lesenswert – und Fiona Barton schreibt auch sehr ansprechend – aber es rechtfertigt immer noch nicht den Hype.

Psychologisch interessant sind in The Widow vor allem die Personen. Sie haben eins gemeinsam – die kleine Bella. Dabei ist mir keiner von ihnen wirklich sympathisch geworden, sie alle haben ihre dunkle Seite – mal mehr, mal weniger – und Geheimnisse und Abgründe, die im Laufe der Geschichte ans Licht kommen. Dadurch verändert sich die Sicht auf die Geschichte, neue Aspekte kommen zutage, die man so nicht vermutet hätte. Es hat ein wenig was vom Schrecken hinter sauberen Vorstadttüren; die aalglatte Reporterin ist doch nicht so objektiv, wie sie es sein sollte – und erst recht nicht aalglatt, die fürsorgliche Mutter hat doch nicht immer so fürsorglich auf ihr Kind aufgepasst, der treusorgende Ehemann war nicht so treu, und auch nicht sorgend, und die trauernde Witwe hat ein wohl gehütetes Geheimnis und eine geheime Obsession. Nach und nach fallen die Masken – aber rechtfertigt das jetzt den Hype? Leider nein. Die Charaktere sind in sich zwar stimmig und auch vielschichtig ausgearbeitet, aber dadurch, dass man sich auf die Seite von keinem von ihnen schlagen kann, fehlt etwas. Es fehlt die Identifikationsfigur; der eine Charakter, mit dem man mitleidet.

Ich frage mich, ob meine Bewertung ohne diese Vermarktung, ohne das Label “The ultimate psychological thriller” zu sein, wohl auch so ausgefallen wäre. So ein wenig enttäuscht, obwohl es nichts zum enttäuscht sein gibt. Was wäre, wenn es einfach nur ein Buch unter vielen hätte sein dürfen? Das Debüt einer jungen Autorin, psychologisch dicht, aber mit ein paar Schwächen, die man ihm nicht unbedingt übel genommen hätte. Lesenswerte Unterhaltung, ohne zu viel sein zu wollen. Was wäre, wenn?

Armes kleines Buch, der Hype war wohl zu viel für deinen schmalen Rücken.

(P.S.: Am 21. Mai erscheint die deutsche Ausgabe unter dem Titel Die Witwe im Wunderlich Verlag.)


Verlag: Bantam Press
Erschienen am 14. Januar 2016
Genre: Thriller
320 Seiten
Format: Paperback
ISBN-13: 978-0-593-07622-4

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